Ich möchte beten wie Moses im Koran:
Herr mache mir Raum in meiner engen Brust.
Johann Wolfgang Goethe
an Johann Gottfried Herder
Wetzlar, im Juli 1772
Ein namhafter evangelischer Christ in Wetzlar, der damalige
Oberbürgermeister Walter Froneberg, stellte seine Stadt als Tagungsort
der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland 1997 vor unter dem Titel
In der Tat ist ein verbreitetes Bild dieser Stadt geprägt durch die
Anwesenheit des jungen Johann Wolfgang Goethe (1749-1832)von Mitte Mai
bis zum 11. September 1772 mit den Anstößen für den Briefroman
Die Leiden des jungen Werthers — aber auch durch Stahl-,
feinmechanische und optische Industrie mit einer Kamera von herausragender
Qualität — und durch Einrichtungen und Organe wie den
Evangeliumsrundfunk (erf),
die
Evangelische Nachrichtenagentur idea
(früher „Informationsdienst der Evangelischen Allianz”), den
Christlichen Medienverbund KEP
(früher „Konferenz Evangelikaler Publizisten”), die
Christliche InterNet-Arbeitsgemeinschaft (CINA)
und das
Institut der Lausanner Bewegung für Islam-Fragen Wetzlar e.V. (ifi).
Die nachstehenden Gedanken sind nicht aus der achtenswerten Gemeinde der
Leica-Freunde und -Freundinnen heraus geschrieben. Sie sind aber bewegt von der
Frage, ob und wie die Liberalität und Universalität des Denkers Goethe
einerseits und die missionarische Motivation der evangelikalen Gruppen und
Einrichtungen
[2]
andererseits zusammenfinden — unter der diesem Gesamtbeitrag
als Motto vorangestellten biblischen Blickrichtung aus dem 1. Johannesbrief des
Neuen Testaments.
Wetzlar ist eine seit langem vom Strukturwandel betroffene ehemalige Industriestadt
mit ihrem ländlichem Umfeld, das sich noch regelmäßig auf dem
Wochenmarkt präsentiert. Für das auf dem Südhang über der Lahn
ansässige Industrie- und Bildungsbürgertum sind Vereinigungen wie die Loge
Wilhelm zu den drei Helmen i.O.,
die Loge Unter dem Regenbogen, die zu den ältesten weiblichen Logen
Deutschlands zählt, der Lion's Club, die
Wetzlarer Goethe-Gesellschaft,
der Wetzlarer Geschichtsverein, die Deutsch-Englische
Gesellschaft und
Deutsch-Französische Gesellschaft
nicht weniger charakteristisch als der
Wetzlarer Dom,
eine seit der Reformationszeit für evangelische
und katholische Gottesdienste simultan genutzte Kirche. Die untere Mittelschicht
fand, als ihr Wetzlar gesichertes Einkommen bot, in der nationalsozialistischen Zeit und nach dem Zweiten Weltkrieg in neuen
Wohnstädten Haus und Wohnung.
Am Fuß des Berges, überwiegend auf dem nördlichen Lahnufer an der Mündung der
Dill erstreckt sich die in ihren letzten und größten Teilen am 1. April
1903 nach Wetzlar eingemeindete damalige Arbeiter-, aber auch Industriellensiedlung
Niedergirmes. In den Strukturen der evangelischen Kirche, die alten Wetzlarer
Stadtgrenzen, nicht den heutigen folgen, gehören hier charakteristischerweise zwei wichtige
Stadtteile noch zu verschiedenen Kirchenkreisen — Wetzlar und Braunfels
[3].
Niedergirmes ist heute das größte Wohngebiet der muslimischen Bevölkerung
in der Stadt. In dem dortigen Nebeneinander von dorfähnlichen Strukturen, großen
Vielparteienwohnhäusern aus der Zeit noch vor dem Plattenbaustil und
beschaulichen Gartenstraßen mit kleinen Villen ist über den sich
vollziehenden Veränderungen in der altansässigen Bevölkerung das
Empfinden gewachsen, verdrängt zu werden.
Teilweise noch deutlicher zeigt sich in den Industriestandorten Hermannstein,
Ehringshausen und Aßlar, die nach Norden flussaufwärts der
Dill folgen, die Neigung, aus ehemaliger SPD-Stammwählerschaft in den
Sympathiekreis der NPD zu wechseln. Auch manche deutsche Aussiedler und
Aussiedlerinnen aus der ehemaligen Sowjetunion schließen sich dabei an. Die
unbestimmte Suche nach Ursachen sowohl für verständliche als auch für
weniger vermittelbare Unzufriedenheit kann, wo es nicht zum wirklichen
Miteinanderleben kommt, auch der Bevölkerung türkischer und kurdischer
Herkunft mit unüberprüften und verallgemeinerten Schuldzuweisungen
begegnen. Auf dem Hintergrund dieser Lage ist es leider auch zu einzelnen
Gewaltakten von unterschiedlichen Seiten und sicherlich mit unterschiedlichen
Ursachen gekommen.
Die Stadt Wetzlar hat neben ihren christlichen Kirchen und Sondergemeinschaften drei
Zentren türkischer sunnitischer Verbände, ein alevitisches Zentrum und
weitere bescheidene Treffpunkte zum Gebet. Der
Diyanet Türkisch Islamische Kulturverein e.V. bemühte sich von
1992-1998 mit mehreren Bauanträgen um den Bau einer Moschee. Nach der Ablehnung
eines Antrags von 1992 und der damaligen Mitteilung auf eine Anfrage im
Stadtparlament hin, ein neuer Bauantrag ‚bei Verwendung von
Gestaltungselementen, die mitteleuropäischen Formensprachen nicht
entgegenstünden’ könnte grundsätzlich „konsensfähig
sein”
[4], erhielt er auf einen späteren die Auflage, 111 Stellplätze
für PKW auszuweisen
[5].
Er stellte daraufhin das Projekt zurück. Der jetzige
Landtagsabgeordnete
Hans-Jürgen Irmer
(CDU), bildungspolitischer Sprecher seiner Fraktion im Hessischen Landtag, erklärte in Aufsätzen und
öffentlichen Stellungnahmen, dass in der Rechtsordnung der Bundesrepublik
Deutschland zwar der islamischen Religion die gleichen Rechte wie anderen
Religionsgemeinschaften zustehen, betont aber bei der Inanspruchnahme die Gefahr,
dass ein „Staat im Staate”
[6]
entstehe. Die Evangelischen Kirchenkreise
Braunfels und Wetzlar, der Katholische Kirchenbezirk Wetzlar und der
Diyanet Türkisch Islamische Kulturverein e.V. erklärten 1996 in
einer gemeinsamen Stellungnahme, dass sie mit dieser Position nicht
übereinstimmen können
[7].
Dass evangelische und katholische Kirchengemeinden zu einer Öffnung für
ihre muslimischen Nachbarinnen und Nachbarn bereit sind, zeigen die Führung
eines Nachbarschaftszentrums durch die Evangelische Kirchengemeinde
Niedergirmes, die Vergabe kirchlicher Räume, die zu unterschiedlichen
Bedingungen geregelte Aufnahme muslimischer Kinder in kirchliche Kindergärten,
die Einstellung einer muslimischen Erzieherin im Evangelischen Kindergarten
Aßlar, gegebenenfalls mit der Mitwirkung entsprechender Praktikantinnen,
und gemeinsame Feste und Aktionen. Intensive Begegnung findet in der
Ausländer- und Flüchtlingsarbeit statt, um einen Dialog zwischen
den Glaubensgemeinschaften bemüht sich der kleine Christlich-Islamische
Arbeitskreis, dem diese Gedanken entstammen.
Hauptamtlichen Mitarbeitenden der katholischen Kirche fällt dabei die
Öffnung leichter als den evangelischen Gemeinden, nicht nur aufgrund der
Möglichkeiten der Theologie, an denen diese Gedanken arbeiten wollen, sondern
auch durch die eigene Minderheitensituation. Die evangelischen Gemeinden haben die
Mehrheit zu vertreten und zu gewinnen.
W. Froneberg, Goethe, Leica und die Evangelikalen. Wetzlars Oberbürgermeister über „seine” Stadt, in der die EKD-Synode tagt, in: ideaSpektrum Nr. 44, 29. Oktober 1997, 18-20 [1]
Die missionarische Motivation wird hier bewusst unterschieden von der kirchen- und medienpolitischen Motivation, da der Verfasser in letzterer in der Regel nicht mehr geistliches Anliegen sehen kann als in allen Kämpfen um Gruppeninteressen und -positionen. Über Einrichtungen der Deutschen Evangelischen Allianz in Wetzlar informiert der Abschnitt 1.3 dieser Gedanken. [2]
Über die beiden Kirchenkreise und ihre Zugehörigkeit zur
Evangelischen Kirche im Rheinland informiert die Pressereferentin der Kirchenkreise
Braunfels und Wetzlar, Heidi Janina Stiewink, „Napoleon ist an allem schuld...” Ein
Landschaftsporträt der evangelischen Kirchenkreise Braunfels und Wetzlar, 2. A., 1995,
1. DIN A5-Auflage 1998
‹http://www.kirchenkreis-braunfels.de/kirchenkreis/Napol-00/napol-00.html›
(14.11.2002).
Die vereinfachte Karte bei Heidi Janina Stiewink, 15, zeigt richtig, dass sich eine Gemeinde des Kirchenkreises Wetzlar im nordwestlichen Stadtteil Dalheim auch auf Gebiete nördlich der Lahn erstreckt,
aber nicht, dass auch umgekehrt zwei Gemeinden des Kirchenkreis Braunfels in der heutigen Neustadt und im Stadtteil Nauborn auf Gebiete südlich der Lahn reichen.
[3]
Peter Paletta: Für die türkische Moschee wird nun nach einer Kompromißlösung gesucht, in: Wetzlarer Neue Zeitung, 07.12.1992 (nach: Johannes Zywicki, Die Moschee in Wetzlar. Dokumentation eines Betruges an einer ethnischen und religiösen Minderheit. Typoskript 1997, 15). [4]
Stadt Wetzlar. Der Magistrat. Bauordnungsamt: Schreiben an den Verein türk. Arbeitnehmer vom 30.09.1996. [5]
Hans-Jürgen Irmer, Brauchen wir in Wetzlar wirklich eine Moschee? in: Wetzlar Kurier 15. Jg., Nr. 2, Februar 1996; ders., Sure 2, 187 „Erschlagt sie, wo immer ihr auf sie stoßt”. Der Islam — eine Gefahr für Deutschland und Europa, aaO. 15. Jg., Nr. 4, April 1996, 1-2; ders., Liebe Leser, in: ideaSpektrum Nr. 20, 15. Mai 1996, 3. [6]
Veröffentlicht in: Wetzlarer Neue Zeitung, 51. Jg., Nr. 99,
27. April 1996, 20, und Wetzlar Kurier 15. Jg., Nr. 5, Mai 1996, 5, mit Entgegnungen
H.-J. Irmers sowie in: DER WEG. Evangelisches Sonntagsblatt für das Rheinland., 51. Jg., Nr. 21,
19. Mai 1996. Wied, Sieg und Lahn, S. 5, mit einem Kommentar von Wolfgang Beiderwieden.
Kritische Auseinandersetzungen mit einer noch umfassenderen politischen und publizistischen
Debatte erfolgten am 16.12.2000 durch die Zeitungsgruppe Lahn-Dill auf zwei Internetseiten,
zu denen die Verweise noch zugänglich sind
(‹http://www.lahn-dill.de/00/1200/161200/161200_li.htm#hj› [16.03.2003])
sowie durch Heide Platen, Der den Volkszorn formuliert, in: die tageszeitung, 06.11.00
‹http://www.taz.de/tpl/2000/11/06/a0099.nf/stext› (08.11.2000 Archiv
), und stärker konzentriert auf pressepolitische Aspekte u.a. durch Torben
Müller, Pressefreiheit in Mittelhessen, in: DIE ZEIT Nr. 1, 2001, 29.12.2000
‹http://www.zeit.de/2001/01/Media/200101_wetzlarposse.html›
(16.12.2001) sowie durch DER SPIEGEL: Gefesselt und geknebelt, in: ders. Nr. 1, 2001, 30.12.2000
‹http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,110912,00.html›
(16.12.2001).
[7]