Apostelgeschichte
Taurosgebirge


Predigt zu Apostelgeschichte 14, 5-20

16. Sonntag nach Trinitatis
Lützellinden    8. Oktober 2000



Der Text


Stalbemt

Das Bild  von Adriaen van Stalbemt (1580-1662) bei der Universität Leipzig (376 KB)

Das Bild  von Adriaen van Stalbemt bei der Statenvertaling online (88 KB)




Liebe Gemeinde,

wir werden in aufregende Szenen versetzt.

Im Innern Anatoliens sind wir. Wir sind mit diesen Worten in einer Stadt, von der das Neue Testament zum ersten Mal von christlicher Verkündigung in ganz heidnischer Umgebung erzählt. Kein jüdisches Leben scheint in dieser Stadt die Menschen beeinflusst zu haben. Keine gottesfürchtigen Freunde des biblischen Bekenntnisses. Noch keinen jüdischen Wanderpredigern vor Barnabas und Paulus scheint man hier richtig zugehört zu haben.

In der Apostelgeschichte lernen Sie als Leserin und Leser später wohl die jüdische Mutter des Timotheos kennen. Sie hat hier in Lystra in einer Ehe mit einem Heiden gelebt. Sie muss hier als Jüdin sehr allein gewesen sein.

Eine Predigt mit Missverständnissen erleben wir. Und Teile von einem Erntedankfest mit grotesken Missverständnissen und mit Tumult. Wenn wir darüber heute in Ruhe nachdenken, mag es uns als Christinnen und Christen aus einem Heidenvolk warnen. Es mag uns warnen vor unseren Rückfällen in das Heidentum, die uns immer mal naheliegen.

Es mag uns daran erinnern, wie sehr unser christliches Bekenntnis aus der ganzen Bibel kommt und in die ganze Bibel hineingehört. Dass wir Jesus Christus den Sohn Gottes nennen, so wie Gott auch von Israel schon sagt: Ich habe meinen Sohn gerufen. Christus ist kein heidnischer Gott.

Es mag uns daran erinnern, wie sehr unser Bekenntnis aus Israel stammt. Wie sehr wir dem jüdischen Glauben nahe stehen. Selbstverständlich erst recht dann, wenn auf jüdische Gotteshäuser Steine geworfen werden. Oder Brandsätze. Im Juli hat ein Sprengsatz in einer Gruppe von jüdischen Menschen, die aus dem Sprachunterricht kam, eine schwangere Frau ein Bein gekostet.

In der Spur des Wortes Gottes an Israel stehen ja auch die muslimischen Menschen, die heute in größerer Zahl mit uns leben. Auch sie bekennen sich gegen die Vergötzung von Menschen. Gegen die Vergötzung der Taten und Werke von Menschen. Wie wir hoffentlich auch.

Aber wir sind jetzt zunächst im Inneren Anatoliens. Sie haben von schwer zugänglichen Gebirgszügen dort gehört oder Bilder gesehen. Doch zwischen den Gebirgszügen gibt es immer wieder hochgelegene Ebenen, die sich weit auftun können. Flüsse haben fruchtbaren Boden angeschwemmt.

Wir sind in Lystra am Rand der Ebene von Konya. Dort war ein Teil der Kornkammer Anatoliens. Weil hier eine Kornkammer ist, geht es heute auch noch einmal um ein Erntedankfest.

Es gibt kaum eine andere Ebene, in der Menschen so früh viel errichtet haben. Voller Hügel von uralten menschlichen Bauten ist diese Ebene. Die älteste Stadt der Menschheit, die wir neben Jericho im Jordangraben kennen, ist dreißig Kilometer von Lystra gefunden worden. Neuntausend Jahre vor uns haben Menschen dort in ihrer Stadt Getreidevorräte gesammelt, neue Nutzpflanzen gezüchtet — und haben auch Göttinnen und Götter verehrt.

Noch weniger als dreißig Kilometer ist Konya entfernt. In der Apostelgeschichte heißt es auf griechisch Ikonion. Es ist eine Zeit, in der alle Griechisch können. So wie bei uns heute in absehbarer Zeit alle Englisch können. Aber in den Orten südlich von Ikonion sprechen die Menschen untereinander noch lange nicht Griechisch. Da bleiben sie bei ihrem Lykaonisch.

Von Ikonion kommen Barnabas und Paulus nach Lystra. Weil sie aus Ikonion fliehen müssen, wird nun wieder an einem neuen Ort eine christliche Gemeinde entstehen. Obwohl sie sicherlich kein Lykaonisch können. Vielleicht fangen damit schon die Probleme an.

Lukas erzählt uns in seiner Apostelgeschichte nicht, wie lange die beiden in Lystra bleiben. Er erzählt nicht, was ich eigentlich gerne wissen würde, wie die Gemeinde dort entstanden ist. Und wie groß sie ist.

Er erzählt ein paar Bruchstücke. Von denen bekommen wir dieses verwirrende Bild. Ich weiß gar nicht: Passiert das hier alles nacheinander? Oder wieviel Zeit, vielleicht wieviele Tage, vielleicht wieviele Wochen soll ich mir zwischendurch vorstellen?

Aber mittendrin ist eine Szene, die ist ruhig. Die zieht mich an. Nur zwei Menschen kommen in ihr vor. Und das Wort Gottes. In diese Szene möchte ich mich jetzt hineinbegeben.

Ein Mann sitzt dort. Es ist sein Leben, zu sitzen. Den ganzen Tag. Er rennt nicht von hier nach dort. Er läuft nicht geschäftig und aufgeregt herum. Er ist gelähmt. Von seiner Geburt an. Von Mutterleib an. Er ist in seinem Leben noch nie gelaufen.

Es ist möglich, dass es auch sein Beruf ist, zu sitzen. In den biblischen Geschichten sind solche Menschen oft Bettler. Bis heute sitzen sie oft an den Toren von Heiligtümern. Beim Tempel des Gottes Israels in Jerusalem. Im langen Torweg vor einem berühmten russischen Kloster in St. Petersburg. Oder vor dem Tempel des Zeus vor der Stadt Lystra.

Paulus spricht. Und der Sitzende hat schon lange zugehört. Vielleicht heute nicht zum ersten Mal. Vielleicht immer wieder. Und heute nimmt Paulus ihn wahr. Er sieht ihn an. Er bemerkt diesen Menschen. Und jetzt predigt er nicht über seinen Kopf hinweg. Er sieht seine Haltung. Er sieht ihm in die Augen.

Jetzt erkennt ihn Paulus. Jetzt versteht er ihn. Paulus sieht, was mit diesem Menschen ist. Paulus sieht: Dieser Mann hört. Und dieser Mann glaubt. Er hat das Wort Gottes gehört. Nicht ich habe ihn angesprochen. Habe ich ihn überhaupt bisher bemerkt?

Gott hat zu ihm gesprochen. Der lebendige Gott. Und dieser Mensch glaubt: Für mich gibt es Befreiung. Rettung. Ich werde frei. Ich werde heil. Ich werde ein ganzer Mensch vor Gott.

Der Mann hat aufgenommen, was uns so schwer fällt, für uns selbst anzunehmen. Und auch für die anderen, die wir gern abschreiben möchten.

Paulus ist kein Heidenchrist, der alles gleich und nur geistig versteht. Nur ganz persönlich in seinem Inneren. In seinem Herzen. Oder in seiner Seele verborgen. Unsichtbar und auf keinen Fall die Welt verändernd.

Wenn Paulus an Befreiung und Rettung denkt, dann denkt er daran: Jesus vertritt uns vor dem Gericht Gottes. So rettet er uns. Das Gericht Gottes ist ein Gericht über die ganze Welt. Daraus gerettet zu werden, ist Auferstehung der Toten.

Obwohl der Name Jesus in dieser ganzen Geschichte aus Lystra kein einziges Mal vorkommt.

Aber Paulus denkt damit zugleich auch: Auferstehung der Toten wirkt sich jetzt aus. Sie geschieht schon jetzt.

Sie schenkt diesem Mann Beine, auf denen er stehen und springen kann. Sie ist für diesen Mann leiblich und praktisch. Sie ist nicht gemeint als eine Vertröstung ohne alle leibliche Bemühung. Der Trost und die Hoffnung verändern das Leben. Dieser Mann glaubt an die Befreiung und Heilung für seine Beine.

Paulus ruft jetzt nur zu diesem einen Menschen. Mit einem Wort, mit einer Stimme, mit der in der Bibel Israels Gott einen völlig am Boden liegenden Propheten wieder auf die Füße stellt. Und mit diesem Propheten sein ganzes Volk: Stell dich auf deine Füße. Aufrecht und gerade. Vor Gott.

In biblischen Geschichten, in denen sich so etwas ereignet, da rappelt sich keiner mühsam und verschüchtert auf. Er springt. Er springt gleich auf und geht umher. Er gebraucht seine Füße, die ihm Gott schenkt. Er gebraucht die Kraft, zu der ihn Gott befreit. Er gebraucht, wovon Gott will, das er es einsetzt.

Der Mann hat gehört. Er hat aufgenommen und verstanden. Gott hat zu ihm gesprochen. Er glaubt. Er ist frei geworden. Das ist keine menschliche Leistung — auch wenn dieser Mann sich ganz eingelassen hat auf das, was geschah. Was hier geschehen ist, ist kaum leichter als die Auferstehung der Toten.

Es ist ein Wunder. Für Juden und Christen ist ein solches Wunder ein Zeichen des Reiches Gottes.

Für Heiden allerdings zeigt dies die Kraft eines Wundermannes. Eines Halbgotts in Weiß oder Schwarz. Eines Gott-Menschen. Für Heiden setzt jetzt der Personenkult ein. Die Verehrung und Vergöttlichung eines Menschen. Jetzt muss jemand auf einen Sockel erhoben werden. Von dem er dann später wieder furchtbar herabstürzen wird.

Jetzt hören wir im nächsten Satz: Das Volk sieht. Es sieht, was Paulus getan hat. Es erhebt die Stimme. Es redet laut auf Lykaonisch. Und was es sagt, heißt: Die Götter sind menschenähnlich zu uns herabgekommen.

Es ist offensichtlich ein großer Unterschied, ob einer sitzt und das Wort Gottes hört. Oder ob das Volk etwas gesehen hat. Das Volk mit seiner Herkunft und seinen Sagen. Mit dem, was man gelernt hat und worauf man beharren will. Mit seinem Geschäftigsein und seinen Interessen. Mit seinen Tempeln und Bankhäusern.

Da kann das Wort Gottes untergehen. Es wird von allem schlicht überrannt. Keiner begreift es. Menschen scheinen immun. Was sie kennen, geht immer vor. Etwas Neues verstehen sie nicht. Die eigenen Interessen wird man doch niemals aufgeben. Da sind die Ohren nicht in der Lage, sich zu öffnen. Da geht das Herz nicht auf. Da wird der Mensch nicht frei. Da verändert sich kein Schritt des Lebens. Da springt der Mensch nicht befreit vor Gott. Er gebraucht nicht seine Füße so, wie Gott sie ihm schenkt.

Ein holländischer Maler hat im berühmten 17. Jahrhundert die Szene großartig dargestellt:

Ein Bild voller Menschen vor hohen, dunklen Tempelsäulen. In der Mitte ist ein runder Altar. Man sieht ihn nicht ganz, weil die Menschen sich um ihn drängen. Viel mehr Männer als Frauen. Viele schauen in eine Richtung. Dort steht Barnabas oder Paulus. Eine Frau fällt zu seinen Füßen auf die Knie. Barnabas oder Paulus steht ganz ruhig da. Würdig, aber eher unauffällig gekleidet. Denn viele Männer sind hier sonst sehr gut gekleidet. Mit Turbanen. Manche am Rande haben Wichtiges miteinander zu bereden.

Das Volk mit all seinen Missverständnissen besteht nicht nur aus lauter armen oder ungebildeten Menschen. Es hat auch seine Honoratioren.

Aber das Auffälligste im Bild ist der Stier, der über Palmzweige geführt wird. Schneeweiß ist er. Ein Prachtexemplar. Viel zu groß für den Altar. Ein Kranz mit Blüten ist um seinen Bauch geflochten. Der Priester trägt eine christliche Bischofsmithra in Gold. Er beugt sich neben dem Stier zu Barnabas oder Paulus hin. Seine Gehilfen sind auf den Knien. Ein alter Priestergehilfe streckt dem Verehrten ein Geschenk entgegen. Goldschmuck mit einer Kette.

Die Pracht einer Stadt in einer Momentaufnahme. Der herrliche Schein einer Gesellschaft. Im Orient. In der Antike. In Holland vor dreihundertfüfzig Jahren. Bei uns.

Das Gemälde hat alles zusammengefügt in einen Augenblick. Beim Gemälde kann man sich nicht vorstellen, was danach passiert. Wie das weitergehen soll.

Auch in der Apostelgeschichte ist jetzt ein Sprung erforderlich. Barnabas und Paulus haben begriffen. In Trauer und Entsetzen zerreißen sie ihre Kleider. Eine jüdische Handlung ist das, die die Lykaonier vielleicht gar nicht kennen. Sie springen unter das Volk und schreien auf.

Und es beginnt, was in der Geschichte des Abendlands von nun an immer weitergeht. Was in allen anderen Weltgegenden, bei allen Völkern wieder neu geschieht:

Das Evangelium trifft auf das Volk. Es begibt sich in die verschiedenen Sprachen. Irgendwann wird es auch ins Lykaonische und ins Deutsche übersetzt. Es begibt sich in die Kulturen und Glaubensvorstellungen. Es trifft auf die alten Geschichten und Sagen, auf die Bräuche, Riten und Feste.

Es begibt sich in all dies hinein. Es verändert all dies. Es verändert dabei auch sich selbst. Es wird dabei wieder ganz neu und ganz lebendig Evangelium. In der Kraft des Geistes. In neuer Sprache und neuer Zeit.

Allerdings kann es auch sehr missverstanden werden. Es kann auch immer wieder überrannt werden und unter allen alten oder neuen Interessen, allen alten oder neuen Glaubens- und Lebensweisen untergehen.

Wer Jesus Christus ist, das haben später einmal Konzile mit griechischer Sprache und griechischem Denken für die Kirche des römischen Reiches erörtert. Die Lykanonier glaubten, dass Götter menschenähnlich auf die Erde kommen. Die Kirche sagte später: Nein, Jesus Christus ist nicht menschenähnlich gekommen. Er ist den Menschen gleich geworden. In allem. Nur ohne Sünde.

Sie meinten das ganz biblisch. Und ganz auf das Leben der Menschen bezogen. So wie das Leben ist. Deshalb haben sie es auch so geliebt, immer zu betonen, dass das Christuskind in der Krippe in Windeln gewickelt ist. Jeder weiß, wofür man Windeln braucht. Und dass Windeln stinken.

Sie haben es nicht heidnisch gemeint. Aber ähnlich und gleich, das sind zwei Worte, die sich auf Griechisch nur durch einen einzigen Buchstaben unterscheiden. Und der ist auch ausgerechnet der kleinste aller Buchstaben. Das Iota.

Wie leicht kann man also biblisch und heidnisch verwechseln! Wie leicht kann man alles missverstehen!

Die Predigtsätze, die Lukas nun wiedergibt, von Barnabas oder Paulus, oder von beiden im Wechsel, reichen gar nicht mal bis zu Jesus Christus. Auch die Auferstehung kommt in den Predigtsätzen nicht vor. Nur in den Zeichen. Wenn der Gelähmte aufsteht. Wenn Paulus später nach seiner Steinigung wieder aufsteht.

Die Predigt sagt erst die biblischen Worte zum Erntedank: Der lebendige Gott hat Himmel und Erde und das Meer und alles, was darin ist, gemacht. Er hat euch viel Gutes getan und euch vom Himmel Regen und fruchtbare Zeiten gegeben. Er hat euch genährt. Er hat eure Herzen gefüllt — so heißt es eigentlich — sowohl mit Nahrung als auch mit viel Freude.

Das wisst ihr Lykanonier in Lystra in der Konyaebene. Und ihr in Lützellinden auch. Darum lasst alles Nichtige. Wenn ihr eure Kunst und Weisheit, euren honorigen Stand zum Gott macht, ist das Nichts. Wenn ihr die Zeugungskraft des Stieres zum Gott macht, ist das Nichts. Wenn ihr euer Geld und Gold zum Gott macht, ist das Nichts.

Wendet euch zu dem lebendigen Gott, der euch schon längst beschenkt hat. Der euch bis hierher schon geduldig getragen hat. Hört sein Evangelium. Stellt euch auf die Füße. Geht auf seinem Weg. In dieser Welt. Mit den Menschen und für die Menschen dieser Welt. Lernt die Weisung des Gottes Israel. Auf, wandelt im Licht des HERRN. Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit. Alles andere wird euch dann schon zufallen.

Vom Leben spricht der Apostel. An das natürliche Leben denkt er. An die Fruchtbarkeit. An Geborenwerden und Sterben. Woran alle Völker denken mit ihren Geschichten und ihrem Glauben. Die Bereiche, in denen auch wir unsere Aufgaben haben. Die Botschaft vom befreienden Gott Israels, von Jesus Christus und der Auferstehung der Toten trifft in diese Bereiche.

Wir hören heute nicht, wie groß die Gemeinde in Lystra wurde und was mit ihr geschah. Wir hören nur, dass etwas unter lauter Missverständnissen begann und dass schließlich Barnabas und Paulus weiterziehen.

Aber wir hören auch die Botschaft, die uns erreicht. Unter lauter Missverständnissen. Unter Gefahren. Unter christlicher Schuld und heidnischer Verführbarkeit. Aber sie nimmt auch uns auf einen Weg der Befreiung mit dem biblischen Gott.

Stellt euch aufrecht auf eure Füße. Auf, lasst auch uns wandeln im Licht des HERRN.

Amen.

Taurosgebirge
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