Einsatz im Heiligen Land




A. Carmel
Alex Carmel
vor dem Keller-Haus

 
Der christliche Beitrag zum Wiederaufbau Palästinas im 19. Jahrhundert
Alex Carmel
Yaron Perry




Der christliche Beitrag zum Wiederaufbau Palästinas im 19. Jahrhundert



„[...]

Am Ende des 18. Jahrhunderts lebten auf dem Gebiet Palästinas schätzungsweise nur noch 200.000 Menschen, davon waren nahezu 90% arabische Muslime, der Rest waren arabische Christen und Juden. Exakte Zahlen stehen für diesen Zeitraum nicht zur Verfügung, da statistische Erhebungen seit Jahrhunderten nicht mehr durchgeführt worden waren. Europäische Christen lebten in Palästina kaum. Eine Ausnahme bildeten vor allem einige wenige Franziskaner-Mönche, die unter dem Schutz Frankreichs, das seit dem 16. Jahrhundert mit der Hohen Pforte gute Beziehungen unterhielt, die heiligen Stätten des Christentums zu erhalten versuchten. Europäische Pilger und Reisende, die es überhaupt noch wagten, das Heilige Land unter diesen Umständen zu besuchen, sprachen bis Mitte des 19. Jahrhunderts immer wieder über den Fluch, der offenbar auf dem Lande lastete, in dem — wie man sagte — zu biblischen Zeiten Milch und Honig flossen. Palästina habe mehr verfallene als bewohnbare Ortschaften. Seine Bevölkerung sei unzivilisiert und fanatisch, seine Verwaltungsorgane seien bestechlich und unfähig. Das Land habe keinen einzigen ordentlichen Hafen; seine Straßen seien verödet, die Brücken zerfallen, die Wälder abgeholzt. Der Handel sei kaum erwähnenswert, die Landwirtschaft und alle Gewerbe seien äußerst primitiv. Es sei ein Land, in dem sich keine Wagen bewegten, in dem Überfälle auf Reisende, Angriffe der Beduinen auf die seßhafte Bevölkerung und andere Gewalthandlungen Tradition hätten; ein Land, in dem es kein einziges Hotel gäbe, kein Krankenhaus und keine Schule, die diese Namen verdient hätten. Mit Ausnahme von Akko, das in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts von zwei besonders mächtigen Gouverneuren, beziehungsweise Rebellen, dem Beduinen Dahir al-Umar (†1775) und dem Bosnier Ahmad Pascha al Dschazzar (Der Schlächter, †1804), als Hauptstadt befestigt wurde, [1] gäbe es im Heiligen Lande kaum geregeltes öffentliches Leben.

[19] In Europa hatte das Interesse an Palästina unter diesen Umständen ständig nachgelassen. Von einer christlichen Präsenz konnte keine Rede mehr sein. Vielmehr hat der andauernde politische und militärische Druck, den die Ungläubigen (Christen), vor allem Rußland, auf das Osmanische Reich der Gläubigen (Muslime) ausübten, in Palästina einen so großen Haß der Bevölkerung und der Behörden auf alle Franken, das heißt Europäer, ausgelöst, daß das Heilige Land für sie praktisch als geschlossen betrachtet werden mußte. Die Öffnung erfolgte erst im 19. Jahrhundert, in dessen Verlauf es allmählich wieder aufwärts ging und ein neues Kapitel der Geschichte Palästinas begann.

[...]

[23] Der gläubige König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen (1795-1861) nutzte als erster die bedrängte Lage der Türken und schlug vor, ein evangelisches Bistum in Jerusalem zu gründen. Dieser Vorschlag, von den Engländern gutgeheißen, führte dazu, daß die Türken 1841 der Gründung einer neuen christlich-protestantischen Institution zustimmten:

Eine ganz ungewöhnliche Sensation, obgleich kein Blättchen eines Baumes in Syrien sich darüber regte, kein Muselmann ein Wort darüber verlor, daß ein königlich-preußischer Titularbischof unter den Leuten zu Jerusalem mitherumlief”, [3]


[24] so mokierte sich zunächst der Schwäbische Beobachter über diese Einrichtung, die rückblickend von großer Bedeutung war, und eine der Hauptursachen für die Wende in der Geschichte Palästinas im 19. Jahrhundert wurde. Zum einen diente das Bistum als Hauptstütze der evangelischen Mission, die in Palästina mit beispielloser Energie, Talent und in beträchtlichem Umfang ans Werk ging, und zum anderen trieben ihre Aktivitäten auch die katholische und die griechisch-orthodoxe Kirche ihrerseits zu Missionsarbeit in Palästina an. Erstmals seit den Kreuzzügen besetzte 1848 der Vatikan unter dem Protektorat von Frankreich wieder den Stuhl des lateinischen Patriarchen in Jerusalem, was bereits in den fünfziger Jahren zu eindrucksvollen Schritten des konkurrierenden Österreich führte. Auch Rußland, dessen Schützlinge die größte, jedoch rückständigste christliche Gemeinde in Palästina bildeten, begann für den dortigen Klerus geeignete Leute auszuwählen, um mit der katholischen und protestantischen Vertretung in Palästina auf religiösem und politischem Gebiet wetteifern zu können.

Wo früher Missionsarbeit praktisch unmöglich war, drängten sich in immer größerer Zahl kirchliche Vertreter. Nirgendwo sonst auf der Welt gab es je so viele Missionare auf so engem Raum wie zu dieser Zeit in Jerusalem. Enorme Geldbeträge flossen aus aller Welt ins Heilige Land, um diese Arbeit zu finanzieren und die Wirtschaft zu beleben. Der Vorgang des Wiederaufbaus des Landes, der durch die Mithilfe der Franken stark geprägt wurde, erstreckte sich über Jahrzehnte. Die Kenner des Landes, die die Entwicklung täglich vor Augen hatten, spürten diese Veränderung reichlich mehr als neuankommende Besucher, für die Palästina weiterhin hoffnungslos rückständig und die Verhältnisse im Vergleich zur westlichen Welt unannehmbar schienen.

[...]

[26] Erst in den 70er Jahren, insbesondere nach der ersten Einwanderungswelle (1882), kam die jüdische Tätigkeit in Schwung und begann allmählich, die christliche Welt von der ersten Stelle zu verdrängen. [...] Gleichzeitig entstanden überall im Land Kirchen und Klöster. Die winzige Gruppe fremder Christen, die während des ersten Besuches Toblers

[Titus Tobler, 1806-1877, Schweizer Arzt und einer der bedeutendsten Palästinaforscher des 19. Jahrhunderts]

in den 30er Jahren im Land lebte, war bei seinem letzten Besuch (1865) auf Hunderte und nach einer weiteren Generation auf Tausende angewachsen. Vom demographisch-statistischen Standpunkt aus gesehen, hatte dieser Zuwachs der Landesbevölkerung keine besondere Bedeutung. Er veränderte jedoch nicht nur die Landschaft Palästinas und ihr Aussehen, sondern bewahrte das Land vor seinem weiteren Verfall. So wurde das fast vergessene, am Rande des Türkenreichs gelegene Palästina wieder zum Mittelpunkt internationaler religiöser und politischer Interessen.

Missionstätigkeit in Jerusalem

Es scheint, daß kein Ort von der gesamten christlichen Welt so intensiv gefördert wurde, wie Jerusalem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Begonnen hatte der Prozeß mit der Gründung der Londoner Judenmission (1809) und der Sendung des John Nikolayson

[1. Juni 1803 - 6. Oktober 1856, aus Dänemark stammend und seit 1823 in Jerusalem]

nach Jerusalem. Diesem Pionier der protestantischen Mission in Palästina war es nach unendlichen Schwierigkeiten gelungen, 1849 in der Altstadt von Jerusalem die erste protestantische Kirche im Osmanischen Reich — die Christ Church gegenüber der Zitadelle — einzuweihen. Die Mission unter den in Palästina freilich besonders frommen Juden war trotz ungeheurer Mittel, die investiert wurden, ein Mißerfolg. Die damals weitverbreitete Hoffnung auf die nahe Wiederkunft Jesu Christi, die von der Rückkehr der Juden nach Palästina und ihrer Bekehrung abhängig gemacht wurde, ging nicht in Erfüllung.

[...]

[27] So hatte die Mission unter den Juden auch die jüdische Welt veranlaßt, für die verarmte jüdische Bevölkerung des Landes jüdische Krankenhäuser, Waisenhäuser, Schulen und andere Institutionen zu gründen, um ihre Glaubensgenossen nicht der Gnade der christlichen Missionare auszuliefern. Um das Feld nicht den Protestanten alleine zu überlassen, gründeten nun auch die deutschen Katholiken eine ansehnliche Reihe eigener Institutionen in Palästina. Große Mengen von Geld flossen auf diese Weise nach Palästina. Jede Religionsgemeinschaft, jede Kirche und jeder Staat versuchte, das Heilige Land durch eigene Institutionen möglichst zu fördern. Durch die- [28] se steigende Rivalität entwickelten sich Jerusalem und das Heilige Land in einem Maße, wie es Palästina seit Jahrhunderten nicht mehr kannte. Das 1799 noch völlig verwüstete Heilige Land war bis 1914 zu einer der fortschrittlichsten Provinzen des Osmanischen Reiches geworden. Dank des erhöhten Lebensstandards wanderten aus den benachbarten Provinzen zahlreiche Menschen ein, um in Palästina Arbeit zu finden. So hat sich die arabische Bevölkerung des Landes während dieser Zeit auf ca. 600.000 Seelen verdreifacht. Aus den früher ungefähr 5.000 Juden wurden — vor allem durch die Masseneinwanderung nach 1882 — annähernd 100.000, während die Anzahl der europäischen Christen von wenigen Dutzend bis zum Ersten Weltkrieg auf ungefähr 5.000 Seelen anwuchs, darunter etwa 3.000 Deutsche, die meisten davon württembergische Siedler der sogenannten Tempelgesellschaft.

[...]

[29] Die militärischen Schlachten auf dem Boden Palästinas während des Ersten Weltkrieges und der UNO-Beschluß von 1947, das Land in einen jüdischen und einen arabischen Staat aufzuteilen, beweisen freilich, daß die Rechnung des friedlichen Kreuzzuges, wie die Bemü- [30] hungen Europas zum Wiederaufbau des Heiligen Landes im 19. Jahrhundert bezeichnet wurden, nicht aufging, weder friedlich noch christlich. ”



[1] Bernhard Dietrich, Akko, überarbeitet von A. Carmel und Z. Baumwoll, Haifa 2000. [1]

[3] Zitiert in: Süddeutsche Warte, 21. 9.1854, S. 157 ff. [3]






Der christliche Beitrag zum Wiederaufbau Palästinas im 19. Jahrhundert

in: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem!
Festschrift zum 150jährigen Jubiläum von Talitha Kumi und des Jerusalemsvereins

hg. Almuth Nothnagle / Hans-Jürgen Abromeit / Frank Foerster
unter Mitarbeit von Ingrid Koschorreck, Heinz Odenthal und Julia Upmeier
im Auftrag des Jerusalemsvereins im Berliner Missionswerk

2000, 17-30

Erschienen und erhältlich bei der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig.



Alex Carmel wurde am 17. Juni 1931 in Berlin als Alexander Buchmann geboren. Die Familie verlässt nach dem Pogrom von 1938 Deutschland und lebt seit 1939 in Haifa. Alex Carmel wohnt dort später auf dem Berg Carmel, nach dem er seinen Namen gewählt hat.

Er erwirbt akademische Abschlüsse als Historiker an der Hebräischen Universität Jerusalem

Alex Carmel wirkt an der Entstehung der Universität Haifa mit und setzt sich für die Integration auch arabischer Studierender und Lehrender an der Universität ein. Seit 1968 lehrt er selbst in Haifa. Er gehört der Abteilung für Studien des Landes Israel an der Humanwissenschaftlichen Fakultät an.

Seine Forschung und seine Werke in hebräischer, deutscher, arabischer und englischer Sprache sind der Entwicklung Palästinas, auch der Stadt Haifa, im 19. Jahrhundert und besonders dem Beitrag von Christen aus der Schweiz und Deutschland zu dieser Entwicklung gewidmet.

Er gründet 1987 das „Gottlieb Schumacher-Institut zur Erforschung des christlichen Beitrags zum Wiederaufbau Palästinas im 19. Jahrhundert”, das seit 1993 im „Keller-Haus” in der Kellerstraße 2 in Haifa untergebracht ist, benannt nach dem Ingenieur und Architekten Gottlieb Schumacher (1857-1925) und dem aus Neuweiler, Württemberg, stammenden Metzgergesellen und späteren deutschen Vizekonsul in Palästina Friedrich Keller (1838-1913, Stadtrat und Heimathistoriker Fritz Barth aus Bad Wildbad zeigt ein Bild Kellers), zwei einflussreichen Mitgliedern der 1867 gegründeten Kolonie württembergischer Templer in Haifa. Alex Carmel leitet das Institut mit dem ihm angeschlossenen Lehrstuhl.

Er ist 1979/80 Gastprofessor an den Universitäten Bern und Fribourg, 1984-86 an der Freien Universität Berlin, 1993-95 sowie 1998/99 an der Universität Basel, deren Theologische Fakultät ihm 2001 die Ehrendoktorwürde verleiht, und hat 1994/95 die Friedrich Schiller-Professur an der Universität Jena inne. 1992 wird er Präsident der israelischen Alexander von Humboldt-Gesellschaft.

Alex Carmel verstarb am 19. Dezember 2002.



Y. Perry
Yaron Perry

Der an der Universität Haifa ausgebildete Historiker Yaron Perry hat ebenfalls mit Veröffentlichungen in hebräischer und deutscher Sprache Schweizer und deutsche christliche Beiträge in Palästina erforscht und ist Alex Carmels Nachfolger als Direktor des Gottlieb Schumacher-Hauses.

Er ist Mitarbeiter der Ausstellung Christliche Pioniere in Palästina. Der deutsche Beitrag zum Wiederaufbau des Heiligen Landes 1799 - 1918 des „Gottlieb Schumacher-Instituts zur Erforschung des christlichen Beitrags zum Wiederaufbau Palästinas im 19. Jahrhundert” der Universität Haifa und des Instituts für jüdische Studien der Universität Basel. Sie wurde am 17. Juni 2002 zuerst im Stadtmuseum Haifa, dem ehemaligen Gemeindehaus der Templer, eröffnet. Die Württembergische Landesbibliothek Stuttgart zeigt sie von Oktober bis Dezember 2003.

zum Anfang

Einsatz im Heiligen Land