Christliche Geschichte





Wozu eigentlich CVJM?

Wozu wir im evangelischen Mehrheitsgebiet um Braunfels und Wetzlar den CVJM brauchen und wozu wir ihn nicht brauchen




1.

Die CVJM-Bewegung ist eine Vereinsbewegung. CVJM ist eine Chance, die Versammlungs- und Lebensform des Vereins, die durch die freie Vereinigung und frei übernommene Verantwortung Ehrenamtlicher bestimmt ist, für evangelisches Leben zu nutzen und umgekehrt mit evangelischem Engagement im Vereinsleben präsent zu sein.


2.

Der „Rheinisch-Westphälische Jünglingsbund”, der seit 1970 CVJM-Westbund heißt, hat wie sehr viele Formen und Zweige heutigen evangelischen Lebens seinen Ursprung im frühen 19. Jahrhundert. Das ist die Zeit der Frühindustrialisierung, der nationalen und geistlichen Erweckung und der neuen Bestrebungen von Bürgern, ihre Rechte und Anliegen in selbst geschaffenen demokratischen Strukturen in die Hand zu nehmen. Gerade der heutige CVJM-Westbund ist besonders verbunden mit dem Jahr 1848, in dem die demokratische Bewegung von verantwortlicher Teilhabe und Gleichberechtigung aller für ein Jahrhundert ihren Höhepunkt hat. Er verdankt sich dieser Bewegung mit der Gedankenfreiheit und der erkämpften Versammlungs- und Vereinsfreiheit.

Deshalb gibt es bis heute gute Chancen zur Zusammenarbeit vor allem mit allen anderen damals entstandenen oder gestärkten evangelischen Lebensformen und Arbeitszweigen. Dazu gehören selbstverständlich nicht allein die Evangelische Gesellschaft für Deutschland, sondern auch die Diakonie und ihre Einrichtungen, der Kirchentag und die Vereinte Evangelischen Mission. Dazu gehören auch die presbyterial-synodale Ordnung der Evangelischen Kirche im Rheinland und viele heutige Formen von Gemeindarbeit, in denen Haupt- und Ehrenamtliche zusammenwirken.


3.

Die ersten Vereine haben entwurzelten jungen Industriearbeitern, die weithin recht- und schutzlos waren, eine Gemeinschaftsform gegeben, in der sie leben und ihren Verein selbst leiten konnten. Sie fanden in dieser Form Orientierung an Jesus Christus in einem auf sie bezogenen persönlichen, gemeinschaftsorientierten, praktischen und zeitgemäß ausgedrückten Glauben in weltweiter Verbundenheit, der sie zu eigener Mitarbeit berief.

Deshalb gehört bis heute zum Grundgedanken des CVJM, dass in ihm Arbeitslose und Auszubildende, Schülerinnen und Schüler, Studentinnen und Studenten zusammen mit den verschiedensten erwachsenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sich begegnen, miteinander arbeiten und einander annehmen. So können z.B. auch Pfarrerin oder Pfarrer zusammen mit Jugendlichen Mitarbeitende sein und alle können miteinander per Du umgehen.


4.

Der CVJM hat in seiner Geschichte viele aktuelle Formen der bündischen Jugendbewegung der 1920-er Jahre aufgenommen, sie aber auch wieder aufgegeben, als sie veralteten.

Er hat alle Freiheit, neuere Formen des Lebens und Engagements von jungen Menschen zu berücksichtigen und aufzunehmen. Dabei stärkt er mit deren Berufung und Verantwortung als Christinnen und Christen ihr missionarisches Bewusstsein ebenso wie ihr Bewusstsein für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Diese Freiheit und Stärkung ist vielleicht zuletzt umfassender in der Arbeitsgemeinschaft der CVJM in Deutschland erkennbar gewesen als im CJVM-Westbund.


5.

Der CVJM hat einen tragenden „Gedanken”. In der Pariser Basis (1855), die 1905 vom heutigen CVJM-Westbund angenommen wurde, ist dieser Gedanke ausgedrückt durch die Bindung an Jesus Christus und seinen Dienst. Die Basis betont die Nachfolge Jesu Christi, die Gemeinschaft seiner Nachfolgerinnen und Nachfolger und das Glaubenszeugnis der jungen Menschen in ihrer peer group. Sie grenzt sich ab von Meinungsstreit und Spaltung.

Die evangelische Kirche ist gebunden in ihren Bekenntnissen. Mit Bezug auf die alte Kirche und die Reformation ist diese Bindung zuletzt geschehen durch die Theologische Erklärung von Barmen (1934). In der Evangelischen Kirche im Rheinland werden alle Presbyterinnen und Presbyter und alle Dienerinnen und Diener am Wort auf diese Erklärung verpflichtet. Sie betont Jesus Christus als das eine Wort Gottes, dem wir folgen. Sie betont damit auch die gemeinsame Verantwortung aller als Kirche und den öffentlichen Auftrag der Kirche durch Leben, Glauben und Wort. Sie grenzt sich ab von aller nicht in diesem Geist begründeten und begrenzten Herrschaft.

CVJM-Gedanke und evangelisches Bekenntnis gehen miteinander und helfen einander. Die Pariser Basis benötigt Ergänzung dadurch, dass die christlichen Bekenntnisse Gott als Vater, Sohn und Heiligen Geist loben und die Kirche mit Israel als Volk Gottes und als Christi irdischen Leib erkennen. Umgekehrt können sich durch die Konzentration der Pariser Basis auf gelebten Glauben andere in ihrem Bekenntnis Gebundene vor den Einseitigkeiten des Konfessionalismus mahnen lassen.

Welche positiven oder negativen Erfahrungen die einzelnen Christinnen und Christen mit dem CVJM machen, ist sehr abhängig von den Personen, in denen ihnen die Bewegung begegnet. Das Verhältnis, das Kirchengemeinden im Raum um Braunfels und Wetzlar zu örtlichen Evangelischen Gemeinschaften und CVJM-Gruppen gewinnen und leben können, ist ebenso sehr abhängig von dem personellen Wechsel, der durch veränderte Vorstände in Gemeinschaft und CVJM erfolgt.


6.

Das CVJM-Dreieck, das als Logo auch im CVJM-Westbund den Leuchtturm abgelöst und das Eichenkreuz auf die Plätze verwiesen hat, wird gewöhnlich als ganzheitliches und ausgewogenes Verhältnis von Leib, Seele und Geist ausgelegt. Der CVJM ist bei seiner Förderung junger Menschen in gleicher Weise offen für Glaube, Sport, Kultur, Arbeit, gesellschaftliches und politisches Leben. Eines soll nicht das andere beherrschen und verdrängen. Der Glaube, der die anderen Elemente verdrängen will, beschädigt sich selbst.


7.

Die CVJM-Bewegung bietet gleichen Raum für Frauen und Männer — während die Evangelische Gesellschaft für Deutschland die Ordination von Frauen ablehnt und Mühen hat, Frauen und Männer gleichberechtigt als Vorstandsmitglieder anzunehmen [1].


8.

Der CVJM lehnt christliche Lehrstreitigkeiten ab. Er kann aber alle alten und neue Wege offen und engagiert prüfen. Er beruft Menschen zur Mitarbeit, die die Nachfolge Jesu Christi auf unterschiedliche Weise ausdrücken — während das Leitbild 2010 der Evangelischen Gesellschaft den Eindruck vermittelt, dass es mit der theologischen Arbeit von Rudolf Bultmann und Karl Barth abgeschlossen hat und damit mit dem größten Teil der deutschsprachigen evangelischen Theologie, aus der auch die Theologische Erklärung von Barmen hervorgeht [2].


9.

Dem CVJM gehören Christinnen und Christen engagiert und gleichberechtigt an, die sich etwa in der ökumenischen Bewegung oder in der Evangelischen Allianz engagieren oder die hoffen, beide verbinden zu können. Hier vollzieht der CVJM-Gedanke keine Bewertung. Die CVJM-Bewegung hat sich niemals den Heiligkeits- und Brüderbewegungen etwa in der Nachfolge von John Wesley und John Nelson Darby oder dem Werk von Alfred Kuen verpflichtet. Sie kann und darf Menschen weder auf diese noch auf andere Bewegungen verpflichten. Sonst würde sie sich selbst aufgeben. So gehört auch der CVJM-Gesamtverband zusammen mit vielen anderen evangelischen und evangelisch-freikirchlichen Einrichtungen für Mission und Bibelverbreitung dem Evangelischen Missionswerk in Deutschland an.

Während dies notwendiger Teil des CVJM-Gedankens ist, bietet der Bezirk Hüttenberg der Evangelischen Gesellschaft für Deutschland auf seinen Internetseiten bis heute als einziges Leitbild das Leitbild 2000 plus an, das sich von der ökumenischen Bewegung und der römisch-katholischen Kirche distanziert.


10.

Der CVJM arbeitet mit Gremien, anderen Vereinen und Gruppen sowie Kirchen zusammen. Er entwickelt dauerhafte oder projektbezogene Zusammenarbeit, bei der alle Beteiligten eigenständige Partner sind und bleiben — während die Evangelische Gesellschaft für Deutschland nur zusammenarbeitet in Verbindungen, in denen sie selbst die Leitung hat [3].


11.

Der CVJM kann und wird als eigene Bewegung bestehen, wenn er seinem eigenen Gedanken folgt — während für die Evangelische Gesellschaft in Deutschland der CVJM im Raum Wetzlar in die Gemeinden und Gemeinschaften der Evangelischen Gesellschaft führen soll [4]. Dieses Ziel würde aber den CVJM als eigene Bewegung in unserem Raum beenden.

Ob der CVJM mit seinem eigenen Gedanken im Raum um Braunfels und Wetzlar Menschen aus der evangelischen Kirche und der Evangelischen Gesellschaft für Deutschland miteinander verbinden kann und soll, ob er zu seinem solchen Versuch gebraucht wird oder ob er dabei sich selbst verliert, ist offen und fraglich. Möglich ist es höchstens in einzelnen Fällen, die ganz von den Personen unter den örtlichen Bedingungen abhängen.



Horst Kannemann, 8. Januar 2008




Persönliches zum Thema:

Ich bin evangelischer Pfarrer und arbeite seit 1980 in Kirchengemeinden des Kirchenkreises Wetzlar, in denen der CVJM und die Evangelische Gesellschaft für Deutschland vertreten sind.

Ich war in den 1960-er Jahren Jungscharler und Jungenschafter im CVJM meines Heimatorts, der mir nach dieser Zeit nicht weiter Mitarbeit bieten konnte. Mein Vater ist Mitglied dieses CVJM. Er hat selbst in der Kinderarbeit der Kirchengemeinde aktiv mitgearbeitet. Als Jugendlicher hat er durch CVJM-er eines anderen Ortes persönliche Hilfe und Orientierung erhalten. Meine Eltern haben sich durch Kirche und CVJM-Arbeit kennengelernt. Der Landeskirchlichen Gemeinschaft meines Heimatorts (heute Bezirk Bochum-Witten des Westfälischen Gemeinschaftsverbands) bin ich nur in den Personen begegnet, die sie zum Teil bis heute vertreten.

Von 1980-1987 habe ich mitgearbeitet im CVJM Dornholzhausen, der stark durch die Evangelische Gesellschaft für Deutschland geprägt ist. Ich habe mich dabei um den Aufbau von evangelischer Jugendarbeit in Niederkleen und Dornholzhausen mitbemüht. Ich wurde vom Verein als Delegierter in die CVJM-Kreisvertretung gewählt, habe aber meine dortige Pfarrstelle und den Ort verlassen, bevor ich diesen Dienst antreten konnte.

Inzwischen hat mein Sohn nach einem CVJM-Grundkurs im CVJM Lützellinden mitgearbeitet. Bei seinen Berichten hatte ich manchmal den Eindruck, dass sich die in der Gruppenarbeit eingesetzten Methoden und Spiele seit meiner Jungscharzeit nicht verändert haben.

Ich bin Mitglied zweier Ortsvereine im CVJM-Kreisverband Wetzlar-Gießen e.V.





Anmerkungen
[1]

vgl. Evangelische Gesellschaft f.D./Neukirchener Mission: Jahresbericht 1999 zur 151. Jahreshauptversammlung im Bibel- und Erholungsheim Hohegrete am 28. August 1999, vorgelegt von Volker Heckl, 8-10: Thesen zur Frauenfrage in der EG, online www.egfd.de/2003/eg/download/EG-Jahresbericht1999;

Evangelische Gesellschaft f.D.: Jahresbericht 2002, vorgelegt von Volker Heckl, 32-33: 14. Frauenfrage, online (ohne Titel) www.egfd.de/2003/eg/download/EG-Jahresbericht2002.zip.

Evangelische Gesellschaft für Deutschland: Leitlinien zum Dienst der Frau in der Gemeinde, vorgelegt von Klaus Riebesehl. Radevormwald 2004, 46-47: VII. Schlussfolgerungen für die Praxis in der Gemeinde heute, online www.egfd.de/2003/eg/download/EG-DienstDerFrau.zip.

Die „Satzung der Evangelischen Gesellschaft für Deutschland, verabschiedet auf der Jahreshauptversammlung am 4. Juni 2005 in Pracht / Hohegrete” baut dies in 9 (1) ein mit der Formulierung: „An der Spitze des Zweigvereins steht ein Vorstand, der für das Ältestenamt (nach biblischen Leitungskriterien) geeignet sein soll”, entsprechend 12 (1), online www.egfd.de/2003/eg/download/EG-Satzung.pdf.
[1]



[2]

Die „Satzung der Evangelischen Gesellschaft für Deutschland, verabschiedet auf der Jahreshauptversammlung am 4. Juni 2005 in Pracht / Hohegrete” formuliert als Präambel II: „Die Aufgabe und das Ziel der EG sind die Ausbreitung der evangelischen Heilswahrheit in Deutschland aufgrund des Wortes Gottes. Dabei sollen die Glaubensgrundlage der EG als verbindlich und die Anliegen der Reformation und des Pietismus, sowie die Barmer Theologische Erklärung von 1934 (Anlage A) und das Wuppertaler Bekenntnis von 1963 (Anlage B) als hilfreich beachtet werden”.
[2]



[3]

vgl. Evangelische Gesellschaft f.D.: Jahresbericht 2002, vorgelegt von Volker Heckl, online (ohne Titel) www.egfd.de/2003/eg/download/EG-Jahresbericht2002.zip. Auszüge aus früheren Berichten, die der Text 2002 erneut dokumentiert, formulierten etwa unter 11. EvangelisationAn der Evangelisation ProChrist mit Billy Graham haben wir nur dort teilgenommen, wo unsere Brüder die Vorbereitungen aktiv mitgestalten und leiten konnten” (27 aus dem Jahr 1993), und unter 12. Hauskreise: „Ein wichtiges Element dazu ist nach wie vor die missionarische Hauskreisarbeit. Dies ist meines Erachtens die Möglichkeit, in einer persönlichen Atmosphäre fremde entkirchlichte und ent-christlichte Menschen mit dem Evangelium zu konfrontieren. Gewährleistet sein muss die Anbindung an die Gemeinschaft” (31, aus dem Jahr 1992).
[3]



[4]

vgl. ebd., 25: EG-Kinder- und Jugendarbeit und CVJM und EC. Der Text gibt die bei einem Vorstandsgespräch des CVJM-Westbund mit der Evangelischen Gesellschaft für Deutschland im Jahre 1995 vertretenen Positionen wieder und formuliert: „In unseren Gemeinschaften (Westerwald und Wetzlarer Bereich) ist der CVJM kein fremder Verein, sondern dort soll die Jugendarbeit in die Gemeinschaft einmünden”.
[4]







Der vorstehende Text ist angeregt durch eine Veröffentlichung „Nachgedacht” mit der Frage „Warum eigentlich CVJM?” in der Ausgabe Januar — Februar — März 2008 des Mitteilungsblatts „Dreieck” des CVJM-Kreisverbands Wetzlar-Gießen e.V.




Hinweise zum Thema:

Leitlinien des CVJM, beschlossen vom Hauptausschuss des CVJM-Gesamtverbandes in Deutschland e.V. am 13. April 2002 (im Format PDF)

Volker Klein (Generalsekretär der Arbeitsgemeinschaft der CVJM Deutschlands e.V.): Kennzeichen der CVJM-Bewegung, in CVJM Life aus Sachsen-Anhalt 5/2000, online im Format PDF erhältlich beim CVJM-Westbund

CVJM-Westbund. Generalsekretärin Hildegard vom Baur: CVJM und Gemeinde. Bericht der Generalsekretärin des CVJM-Westbundes zur Bundesvertretung 2007 (im Format PDF)




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