Abraham
Annette de Fallois



Andacht zu Genesis / 1. Mose 25, 9-11

Pastoralkolleg der Evangelischen Kirche im Rheinland
„Juden, Christen, Muslime — wenn wir Geschwister beieinander wohnten”

Wuppertal    31. Oktober 2006



Der Text







Und es begruben ihn seine Söhne Isaak und Ismael in der Höhle von Machpela auf dem Acker Efrons, des Sohnes Zohars, des Hetiters, die da liegt östlich von Mamre auf dem Felde, das Abraham von den Hetitern gekauft hatte. Da ist Abraham begraben mit Sarah, seiner Frau. Und nach dem Tode Abrahams segnete Gott Isaak, seinen Sohn. Und er wohnte bei dem ’Brunnen des Lebendigen, der mich sieht‘.

Ein kurzer Vers nur, der die Fantasie anregt: zwei erwachsene Brüder, die der Tod des gemeinsamen Vaters zusammenführt und die hier und jetzt erstmals die Gelegenheit haben, miteinander zu reden.

Was mögen die beiden vor dieser Begegnung voneinander gewusst haben?

Haben Abraham und Sarah Isaak von seinem Stiefbruder erzählt — und wenn, in welcher Weise? Haben sie von ihm als von einem gesprochen, vor dem man sich in Acht nehmen muss, weil er Isaak das Erbe streitig machen möchte? Der Wüstensohn, dem man nicht trauen sollte? Oder haben sie geschwiegen? Hatten Abraham und Sarah vielleicht Schuldgefühle, weil sie ihn und seine Mutter Hagar in die Wüste geschickt haben und ihn so aus Scham verheimlicht? Ismael, der verstoßene Sohn, das Familiengeheimnis, das Tabu, das man vergessen und vergessen machen will?

Und ob die alleinerziehende Hagar ihrem Sohn Ismael von seinem Bruder und der gemeinsamen Verwandtschaft erzählt hat? Vielleicht davon, wie sie vertrieben wurden, wie sie dann mit dem kleinen Sohn in der Wüste saß und dachte, sie müssten nun sterben? Ob sie davon erzählt hat, wie schwierig ihr Verhältnis zu Sarah war? Hat sie auch von ihrem eigenen Anteil am Scheitern dieses Zusammenlebens erzählt, etwa dass sie, als werdende Mutter überheblich wurde gegenüber der unfruchtbaren Sarah?

Wir wissen es nicht, wir können nur spekulieren. Wie mag die Begegnung dieser beiden Brüder verlaufen sein? Am Grab ist bis heute ja immer alles möglich — hier können Erbstreitigkeiten, Neid und Eifersucht vollends zum Ausbruch kommen. Hier kann das gemeinsame Trauern und Erinnern aber auch zu neuer Nähe, Offenheit und Versöhnung führen. Und so möchte ich mir dieses Gespräch einmal vorstellen:

Isaak und Ismael könnten miteinander über ihre Verletzungen gesprochen haben: Da mag Isaak von der quälenden Erfahrung am Berg Morija gesprochen haben, als sein Vater ihn gebunden hat, in der Absicht ihn zu opfern. Ismael mag daran angeknüpft und erzählt haben, wie Abraham ihn und seine Mutter in die Wüste geschickt hat und ihnen dort der Tod drohte. Ob sie dann auch die Gemeinsamkeit entdeckten, dass Abraham beides tat, weil es Gottes Wille war und dass Gott es beide Male war, der sie in dieser schier ausweglosen Situation errettete?

Sie könnten sich miteinander auch auf die Suche nach dem Verbindenden machen: Sie würden entdecken, dass sie als Kinder schon einmal in Frieden beieinander waren und miteinander spielten. Sie würden vielleicht darüber staunen, dass der Ort an dem Isaak lebt, an dem er seine Frau Rebekka kennen gelernt hat, an dem er arbeitet und betet, eben der Ort ist, an dem Hagar und Ismael einst von Gott errettet wurden und dem Hagar darum einst den Namen gab: der „Brunnen des Lebendigen, der mich sieht”.

Sie könnten einander wahrnehmen als Brüder, die beide das Zeichen des Abraham-Bundes tragen, die in unterschiedlicher Weise doch beide aus Gottes Segen leben und die der gemeinsame Vater letztlich doch mehr verbindet als trennt.

Und dann, so stelle ich mir vor, würden beide das kleine private Gespräch unter Männern unterbrechen und sie lüden uns ein, die nachgeborenen Männer und Frauen, Juden, Christen und Muslime, zu ihnen hinzuzutreten. Und dort, am Grab Abrahams, im Zusammensein mit seinen Söhnen, fangen wir an, unsere Geschichten zu erzählen, von unseren Erfahrungen mit Abraham und davon, was er uns bedeutet. Und nach einer ersten vorsichtigen Annäherung würden wir auch davon sprechen, wo wir einander verletzt haben, wo wir aneinander schuldig geworden sind, wo wir selbst uns zu Gottes Lieblingskind emporgehoben und uns von unseren Geschwistern distanziert und sie abgewertet haben.

Lange, lange würden wir miteinander reden und einander zuhören und miteinander schweigen, in unseren Schriften forschen, viele Tage und Nächte, wir würden Abraham auch einmal mit den Augen der anderen betrachten, wir würden darüber sinnen, was es uns allen eigentlich bedeuten kann, dass nicht nur das Grab, sondern auch dieser andere Ort, der „Brunnen des Lebendigen, der mich siehtIsaak und Ismael und möglicherweise doch auch ihre Nachkommen verbindet. Wer weiß, was wir da entdecken könnten...



Ich danke der Verfasserin für ihre Bereitschaft, ihre Andacht als Beitrag für diese Seiten zur Verfügung zu stellen.

November 2006, H.K.
Abraham