Leben
Uwe Grieser



Predigt zu Genesis / 1. Mose 4, 1-16

13. Sonntag nach Trinitatis
Bonn    10. September 2006



Der Text


Moutiers-Saint-Jean

Das Bild

Abel mit den Zeichen eines Heiligen und seinem Opfer — Kain mit seinem Opfer — ein Adler — die Hand Gottes

Le Sacrifice de Caïn et d'Abel, Kapitell, ca. 1125-1135, aus Moutiers-Saint-Jean, Bourgogne
heute im Fogg Art Museum der Harvard University, Cambridge MA


Im Internet zur Verfügung gestellt vom Lycée Jean Monnet, Saint-Étienne, in einer Initiation aux Symboles
vergleiche Peggy Berman de Prophetis, Art as Midrash: Cain and Abel, The Offerings in The Academy for Jewish Religion, Riverdale NY




Die Gnade Jesu Christi, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Erzähle ihnen die Geschichte von den beiden Söhnen Adams, der Wahrheit gemäß”, heißt es im Koran, Sure 5.
Die beiden Söhne sind Kain und Abel, und der ihre Geschichte erzählen soll, ist der Prophet Mohammed.
1. Mose, Kapitel 4 steht diese Geschichte in der Bibel, es ist der heutige Predigttext, den Sie als Kopie bekommen haben. Im Koran wird die Geschichte so wiedergegeben:

Als die beiden ein Opfer brachten, da wurde es von dem einen der beiden angenommen, und von dem anderen wurde es nicht angenommen. Dieser sagte: Ich will dich erschlagen! Er antwortete: Solltest du deine Hand gegen mich ausstrecken, um mich zu töten, ich strecke meine Hand nicht nach dir aus, um dich zu töten. Ich fürchte ja Gott, den Herrn der Menschen in aller Welt. Deshalb wünsche ich, dass du lieber die Sünde gegen mich und deine eigenen Sünden trägst.
Aber sein Innerstes trieb ihn, seinen Bruder zu töten, und er tötete ihn und wurde nun einer von den Verlorenen
[...]
Als er aber Abel begraben hatte, sprach er: Wehe mir! [...] Und so wurde er einer von denen, die bereuen.

Erzähle ihnen die Geschichte! Warum ist es gut, diese Geschichte zu kennen? Weil sie uns die Wahrheit vor Augen führen kann? Die Wahrheit, dass wir Menschen zu allem fähig sind, auch zum Brudermord?

Im Koran schließt sich eine ganz interessante Auslegung an, die sich auch in der jüdischen Tradition findet. Die jüdischen Schriftgelehrten haben nämlich etwas entdeckt, was im deutschen Bibeltext gar nicht richtig erkennbar wird. Da steht der berühmte Satz: „Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde. Seltsamerweise ist das Wort Blut im hebräischen Urtext ein Plural. Die jüdische Auslegung sagt dazu: Es war nicht Abels Blut allein, sondern auch das Blut seiner ungeborenen Nachkommenschaft. Daraus lernen wir, dass ein einzelner Mensch so wertvoll ist wie die gesamte Schöpfung.

Der Koran nimmt diesen Gedanken auf: „Wer einen unschuldigen Menschen tötet, handelt so, als ob er die gesamte Menschheit tötet. Und wenn jemand ihn am Leben erhält, so ist es so, als hätte er alle Menschen am Leben erhalten” (Sure 5,32).

Manch einer mag denken: Ach würde doch dieser Koranvers in den Moscheen recht oft gepredigt und in den Koranschulen intensiv gelehrt. Doch wer weiß: vielleicht haben ihn schon viele Imame rezitiert und den Kindern beigebracht — wir wissen es nicht.

Zwei Wochen ist es her, da hätte man diesen Vers in unseren Zeitungen lesen können — wenn die Zeitungen dazu bereit gewesen wären, ihn auch abzudrucken. Mehr als 20 muslimische Verbände und Organisationen in Deutschland hatten in einer Pressemitteilung deutlich gemacht, dass Terrorakte mit dem Islam nicht gerechtfertigt werden können. Sie hatten sich dabei auf den Koran berufen. Ich zitiere:

Mit Entsetzen und tiefer Abscheu verurteilen wir, die unterzeichnenden muslimischen Verbände und Migrantenorganisationen die versuchten Bombenattentate der letzten Tage und verwahren uns dagegen, dass diese Handlungen mit dem Islam gerechtfertigt werden sollten. Der Qur’an sagt: [...] Wer einen unschuldigen Menschen das Leben nimmt, [...] handelt so als ob er die gesamte Menschheit tötet.

Darum also von Kain und Abel erzählen! Damit deutlich wird, dass jedes Menschenleben wertvoll und heilig zu achten ist. Jeder Mensch ist kostbar und wichtig, weil in uns das große Potenzial von Zukunft steckt und weil wir zugleich gefährdet sind, unser Leben zu verlieren. „Ach wie flüchtig, ach wie nichtig ist der Menschen Leben!” so singen wir manchmal auf dem Friedhof. „Wie ein Nebel bald entstehet und auch wieder bald vergehet, so ist unser Leben, sehet!

Diese Flüchtigkeit unseres Lebens klingt im Namen Abel an. Wer ihn auf hebräisch hört, hört das Wort „Windhauch”. Adam le’Abel heißt es in Psalm 144: Wörtlich übersetzt: Adam ist wie Abel. Der Mensch ist wie ein Windhauch. Krasser noch übersetzt Luther: „Ist doch der Mensch gleich wie nichts”.

Wir hören das nicht gerne, wie flüchtig und nichtig unser Leben ist. Keiner von uns käme auf die Idee, einem Neugeborenen solch einen Namen zu geben, wie Eva es tut. Wir suchen uns viel schönere aus: Henri und Luis z.B., Marlene und Maximilian*, und noch viele andere Namen fallen uns ein. Wir wünschen unseren Kindern ein langes und intensives Leben. Wir denken bei ihrem Anblick an alles andere als daran, dass sie - so wie wir selbst - eine „Abelexistenz” führen. Nur manchmal überkommt uns ein Anflug von Angst, wenn wir sie im Schlaf beobachten und uns plötzlich fragen, ob sie wirklich atmen. Oder später, wenn sie aus dem Haus gehen und verspätet wiederkommen und uns die Angst überfällt, es könnte etwas passiert sein. Tief im Inneren wissen wir, wie bedroht das kostbare Menschenleben ist, wie schnell es vorbei sein kann. Und wir fühlen in uns die Liebe und die Bereitschaft, alles für unsere Kinder zu tun, dass sie leben können.

* Im Gottesdienst wurden vier Kinder getauft

Adam und Eva aber waren nicht zur Stelle, als Kain und Abel hinaus aufs Feld gingen. Eltern können ihre Kinder nicht immer begleiten und auf sie aufpassen. Das ist auch ein Grund, warum wir unsere Kinder taufen lassen. Weshalb wir sie Gott anbefehlen, für sie beten, ihnen einen Schutzengel zur Seite wünschen.

Denn was da draußen auf dem Feld passiert, der plötzliche und unerwartete Tod, das Abschneiden von Lebensmöglichkeiten, die bis aufs Blut gehende Rivalität — das kann jeden von uns treffen.

Wir lesen in der Zeitung von Flugzeugabstürzen und Bombenexplosionen, wir hören von Verkehrsunfällen und Hausbränden, wir sehen im Fernsehen Abend für Abend Tote, die den Namen Abel tragen könnten, wir erleben in unseren Familien und Freundeskreisen, dass jemand erkrankt und wenig später stirbt — und manchmal müssen wir den Atem anhalten: es könnte auch uns treffen. Ach, wie flüchtig ist das Leben.

Warum, fragen wir. Warum geschieht so viel Böses? Warum musste Abel sterben?

Eine häufig zu hörende Antwort lautet: Geschwisterneid. Als meine älteste Schwester mit zwei Jahren ein Geschwisterkind zur Seite bekam — nicht mich, sondern meine zweite Schwester — da soll sie nach einer Woche gesagt haben: „Mama, du kannst das Baby jetzt wieder zurück ins Krankenhaus bringen.

Das Lachen über die kindliche und zugleich brutale Wahrheit kann einem auch im Halse stecken bleiben.

Bei Kain und Abel ist es nun aber so, dass der ältere Sohn nicht darunter leidet, die Eltern nicht mehr für sich alleine zu haben. Er leidet unter der Missachtung Gottes. „Gott sah Abel und sein Opfer an, aber Kain und sein Opfer sah Gott nicht an.” Diese Ablehnung ist es, die zu blinder Gewalt führt. Der erste Totschlag in der Menschheitsgeschichte geschieht um Gottes Willen. Und er geschieht nicht in dem Moment, wo ein Mensch sich von Gott abwendet, sondern er wird ausgelöst in dem Moment, wo Kain sich Gott zuwendet. Am Altar — das ist die besondere und erschütternde Tragik — wird dieser erste Totschlag ausgelöst.

Jede Religion, so können wir auch aus dieser Geschichte lernen, birgt das dunkle Potenzial zu spalten und gegeneinander aufzubringen. Wieso eigentlich opfern die Brüder nicht gemeinsam? Warum errichten sie getrennt ihre Altäre? Wieso hat die christliche Kirche über Jahrhunderte die Juden drangsaliert? Warum haben sich Protestanten und altgläubige Christen Jahrzehnte lang bekämpft?

Erzähle die Geschichte von den beiden Söhnen Adams. Warum? Weil sie eine Urgeschichte ist. Weil sie uns im tiefsten Inneren miteinander verbindet. Sie verbindet Juden, Christen und Muslime. Sie ist eine Geschichte, die uns alle angeht. Eine Urgeschichte. Eine von jenen Geschichten, die sich nicht abnutzen, auch wenn man sie öfter hört.

Wenden wir uns noch einmal Abel zu. Die meisten Ausleger gehen über ihn nur flüchtig hinweg. Sie stellen Kain in den Mittelpunkt des Nachdenkens, vielleicht weil Abel in der biblischen Geschichte so wortlos bleibt.

Im Koran ist das anders. Da sagt Kain nur den einen kleinen Satz: Ich will dich erschlagen. Und später noch kürzer: Wehe mir! Aber Abel redet ausführlich: Solltest du deine Hand gegen mich ausstrecken, um mich zu töten, ich strecke meine Hand nicht nach dir aus, um dich zu töten. Ich fürchte ja Gott, den Herrn der Menschen in aller Welt.

Abel ist ein Gottesfürchtiger. Er ist ein Vertreter der Gewaltfreiheit auch dann, wenn ihm selbst Gewalt zugefügt wird. Ein Pazifist der ersten Stunde. Und das im Angesicht drohender Gewalt.

Diese bedeutende Rolle nimmt er auch in der christlichen Kunst ein. Da ist Abel weniger der Prototyp unserer flüchtigen Existenz und das Urbild des Opfers von Gewalt. Er ist vielmehr ein Vorläufer von Jesus. In seiner Geschichte zeichnet sich schon ab, was in der Jesusgeschichte erzählt werden wird.
Sein Opfer ist Gott wohlgefällig.
Sein Tod ist ohne Schuld. Sein vergossenes Blut wird nicht gerächt.
In Jesu Tod und Sterben wird Abel noch einmal gegenwärtig.

Wie bei der Kreuzigung Jesu so löst auch die Geschichte von Kain und Abel schwierige Fragen aus. Wo ist Gott eigentlich? Warum lässt Gott das zu? Wieso fällt Gott den Gewalttätern nicht in den Arm? Jesus wird am Kreuz verspottet: Hilf dir selbst, wenn du der Messias bist.
Kain sagt trotzig: Soll ich meines Bruders Hüter sein?
Warum reagiert Gott nicht auf diese Frage?

Jüdische Ausleger haben Kain weiter sprechen lassen: „Du hast den Menschen geschaffen. Es ist deine Aufgabe, über ihn zu wachen, nicht meine. Wenn ich nicht hätte tun sollen, was ich getan habe, hättest du mich daran hindern können, es zu tun.

Gott wird hier mitverantwortlich gemacht an dem Tod Abels. Wenn sein Blut von der Erde zum Himmel schreit, so klage es auch Gott selber an. Bist du, Gott, nicht auch der Hüter und Beschützer? Wo beginnt deine Macht und wo endet sie? Darf nicht mit Recht erwartet werden, dass auch Gott Rechenschaft ablegen muss? Ist nicht der Mord an Abel sogar um seinetwillen geschehen, weil er das Opfer von Kain nicht angenommen hast?
Was bist du nur für ein Gott? Das Potenzial zur Gewalt — ist das ein Geburtsfehler deiner Schöpfung? Der Mensch — eine Fehlkonstruktion? Sollen wir die Geschichte von Kain und Abel erzählen, weil sie unsere offenen Fragen enthält?

Umgekehrt muss aber auch nachgedacht werden über die Verantwortlichkeit des Menschen. Gott hat uns nicht als Marionetten geschaffen. Wir sind frei. Wir können wählen zwischen Gut und Böse. Gott traut uns zu, diese Wahl zu treffen. Selbst wenn wir emotional ganz stark betroffen sind wie Kain, der finster und grimmig seinen Blick senkte, als er sah, dass seine Opfergabe bei Gott nicht ankam.

Es stimmt: Gott wendet sich dem opfernden Kain nicht zu. Aber dem in seiner Wut und Traurigkeit aufgebrachten Kain schon. Und auch sehr intensiv. Wie ein Therapeut fragt Gott: Warum ergrimmst du? Warum senkst du deinen Blick?

Und Gott mutet Kain auch zu, aus seiner inneren Aufgebrachtheit heraus zu finden: Überleg mal, Kain: Ist es nicht also: Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du kannst aber über sie herrschen.
Du musst nicht deines Bruders Mörder werden, du kannst sein Hüter sein.

Kann Kain das wirklich? Können wir in Frieden miteinander leben? Ist Brüderlichkeit, Geschwisterlichkeit unter uns Menschen möglich?

Die in diesem Jahr verstorbene Dichterin Hilde Domin ist dieser Frage immer wieder nachgegangen. Als Jüdin musste sie Deutschland verlassen, um ihr Leben zu retten. Sie kannte die Sehnsucht, dass sich keiner mehr davon stiehlt und behauptet, er habe nichts gesehen, nichts gemerkt, nichts gewusst.

Leidenschaftlich widersprach sie der Resignation, dass der Mensch des Menschen Wolf sein müsse. Eines ihrer Gedichte, das sie bei Lesungen fast immer vorgetragen hat, ist ein großartiger Appell, der auf die Geschichte von Kain und Abel Bezug nimmt. Die Dichterin appelliert allerdings nicht an Gott, machtvoll einzugreifen. Sie appelliert auch nicht an Kain, wie Gott es tut, dass er sich in den Griff bekommt. Sie appelliert an Abel. Abel möge auf den Bruder Kain einwirken. Abel möge Kain nicht abschreiben und verurteilen, sondern Hoffnung für ihn haben.

Das Gedicht, mit dem ich die Predigt schließe, heißt: Abel, steh auf.

Abel steh auf
es muß neu gespielt werden
täglich muß es neu gespielt werden
täglich muß die Antwort noch vor uns sein
die Antwort muß ja sein können

wenn du nicht aufstehst Abel
wie soll die Antwort
diese einzig wichtige Antwort
sich je verändern

wir können alle Kirchen abschließen
und alle Gesetzbücher abschaffen
in allen Sprachen der Erde
wenn du nur aufstehst
und es rückgängig machst
die erste falsche Antwort
auf die einzige Frage
auf die es ankommt

steh auf
damit Kain sagt
damit er es sagen kann
Ich bin dein Hüter
Bruder
wie sollte ich nicht dein Hüter sein

Täglich steh auf
damit wir es vor uns haben
dies Ja ich bin hier
ich
dein Bruder

Damit die Kinder Abels
sich nicht mehr fürchten
weil Kain nicht Kain wird

Ich schreibe dies
ich ein Kind Abels
und fürchte mich täglich
vor der Antwort
die Luft in meiner Lunge wird weniger
wie ich auf die Antwort warte

Abel steh auf
damit es anders anfängt
zwischen uns allen

[...]

Amen



Das Gedicht (gekürzt) aus Hilde Domin, „Ich will Dich”. Gedichte
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-596-12209-0

SK Stiftung Kultur poetic mail



Ich danke dem Verfasser für seine Bereitschaft, seine Predigt als Beitrag für diese Seiten zur Verfügung zu stellen.

November 2006, H.K.
Leben