Christliche Geschichte


Hermann Gundert


Bewerbung und Lebenslauf Carl Wilhelm Isenbergs im Jahre 1823

Knapper Lebenslauf Carl Wilhelm Isenbergs

C. W. Isenberg

Carl Wilhelm Isenberg 1830

Basel Mission Picture Archive
QS-30.001.0073.01





Einnerung an Missionar C. W. Isenberg

(geb. 5. Sept. 1806, gest. 10. Okt. 1864)
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1. Der Beruf


„Als sich im Laufe des Jahres 1822/23 in W e s e l ein Missionsverein gebildet hatte, stellten sich dem dortigen Pastor K l ö n n e zwei Jünglinge vor, welche sich mit Missionsgedanken trugen. Die Freunde beschlossen, vor vier Pfarrern und fünf Direktoren einen Prüfung mit ihnen anzustellen und denjenigen, welcher ihnen der tauglichste scheinen würde, auf ihre Kosten in Basel zum Missionsdienst ausbilden zu lassen. Am 10. Nov. 1823 wurde das Examen mit Gebet eröffnet. Die Herren fanden, daß der ältere Bewerber sich durch gründliche Kenntniß der h. Schrift auszeichne, auch von der Religionsgeschichte und dem christlichen Alterthum ziemlich viel wisse; er sei sodann namentlich in der Geographie, die er aus Missionsschriften kenne, wohlbeschlagen und lasse auch in der Weltgeschichte keine Hauptfrage unbeantwortet. Sie gestanden sich, ihre Erwartungen seien übertroffen, und schlugen einstimmig den 17jährigen I s e n b e r g zum Präparanden vor. Als Stylübung hatte der Jüngling seinen Lebenslauf geschrieben, der (wenig abgekürzt) also lautet:

Von unbemittelten, aber gottesfürchtigen Eltern, W. Isenberg und Louise, geb. Stahl, wurde ich am 5. Sept. 1806 geboren zu Barmen, und aufgezogen in der Furcht und Vermahnung zum HErrn. Frühe wurde mir der Sinn gelenkt, zu suchen was droben ist. Ich lernte schon im vierten Jahre lesen. In der Schule wurde ich dann unartig, bis ich im zehnten Jahr von des HErrn Geist ergriffen wurde, nach dem ewigen Leben zu trachten und die Eitelkeit zu verlassen. Damals [130] bat ich oft Gott auf den Knien, mich aus der Welt zu nehmen und in seine ewige Freude zu versetzen, und faßte den Entschluß, durch Seine Gnade ein anderer Mensch zu werden. Ich hielt mich nun zu wahren Christen, die mich zur Quelle wiesen; der HErr aber deckte mir eine Sünde um die andere auf. Pastor Döring, dem ich meinen Zustand klagte, gab mir den Rath, um Sündenvergebung zu bitten. Statt dessen gab mir der HErr meine Sünden so zu erkennen, daß ich ausrief: ich bin verloren. Ich schlug dann die Bibel auf und traf gleich die Stelle 1 Joh. 4, 1: ‘Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erzeiget, daß wir sollen Gottes Kinder heißen.’ Da wollte ich meinen Augen noch nicht trauen und schlug noch einmal auf; nun traf ich auf die Stelle Röm. 8, 16: ‘Derselbige Geist gibt Zeugniß unserm Geist, daß wir Gottes Kinder sind’, — und wurde mit einer solchen Freude erfüllt, daß ich es nicht beschreiben kann. Ich meinte, ich müße es allen Menschen erzählen, was der HErr an meiner Seele gethan. Diese empfindliche Freude dauerte nicht lange; sie hörte zwar nicht ganz auf, wechselte aber mit dunklen Stunden; bald lobte und dankte, bald seufzte ich und befand mich in einem immerwährenden Kampfe zwischen Fleisch und Geist. Der HErr besuchte mich auch bald mit Krankheiten. Ein heftiges Auswerfen der Speisen mattete mich so sehr ab, daß ich nie wieder zu genesen hoffte.” (Er beschreibt dann, wie er, nachdem diese Krankheit ein Jahr gedauert, monatelang von Krämpfen heimgesucht wurde, daß man ihm oft auf das Ende wartete;) „da haben mir meine Eltern sehr viele Bücher beisammen geholt, unter andern fand ich auch in den Basler Sammlungen reiche Nahrung. Da in denselben viele Nachrichten von Missionen enthalten sind, so wurde mein früherer Hang zum Studiren darauf gelenkt, wenn es des HErrn Wille wäre, daß ich wieder gänzlich gesund würde, ein wenn auch geringes Werkzeug zur Bekehrung von Heiden zu sein. Ich sollte darum zum Schullehrer gebildet werden und lernte fast ein Jahr lang allerhand Fächer, auch französisch; da sank ich wieder in die Zerstreuung zurück. Die Liebe zu Gottes Kindern nahm ab, und die Liebe zur Welt nahm zu. Endlich aber wurde ich, da wir anders keine Aussichten hatten, genöhtigt, zu einem Klempner in die Lehre zu gehen (1. Juni 1820). Die ersten dreiviertel Jahre wurden mir sehr hart, und ich dachte nicht, daß ich es aushalten würde; allein es war des HErrn Wille, mich von der Welt ab und wieder zu sich zu ziehen. Durch starke Verkühlung zog [131] ich mir wieder eine Krankheit zu, von der ich bald genas, da mir der HErr herzliche Reue schenkte und mich wieder gnädig annahm. Hier nun erwachte die frühere Liebe zu Jesu und der Wunsch, Missionar zu werden. Diesen entdeckte ich Herrn Pastor Krall, bei dem ich darauf konfirmirt wurde; der billigte es und rieth mir, das Missionsmagazin zu lesen. Nun wurde ich erst mit den Schwierigkeiten dieses Amtes vertraut, zugleich aber auch mit dem Vertrauen erfüllt, der HErr werde seine Boten nicht verlassen. Ich schrieb nach Barmen, wo man bereit war, meinen Wunsch zu erfüllen, aber bis jetzt nichts that. Herr Gräber und Pastor Leipold schrieben nach Berlin und baten um meine Aufnahme; dort hielt man mich für zu jung wegen des Militärs. Ich bitte jetzt den HErrn, mich seinen Willen erkennen zu lassen, und wenn ich nicht tauge, mir den Wunsch zu benehmen und Hindernisse in den Weg zu legen, daß nichts daraus werde. Immer wieder schallten mir die Worte: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück sc. wie Donnerworte in die Ohren, und ich erhielt neuen Trieb dazu. Freilich habe ich auch schon gedacht, daß dann mein Name in den Missionsnachrichten stehen werde, und bat Gott um die rechte Demuth. Um mich in dieser zu erhalten, hat Er oft zugelassen, daß ich strauchelte oder sogar fiel. Nun habe ich mich dem HErrn ergeben mit Leib und Seele. Ist es Sein Wille, daß ich auch nur Einer Seele zur Rettung helfe, so wird Er mir alles Nöthige dazu geben, daß die Ausbreitung Seines Reiches noch um ein klein wenig befördert werde. O HErr hilf, o HErr, laß Alles wohl gelingen! [...]”


Erinnerung an Missionar C. W. Isenberg
(geb. 5. Sept. 1806, gest. 10. Okt. 1864)

in: Evangelisches Missions-Magazin. Neue Folge.
Herausgegeben im Auftrag der evangelischen Missionsgesellschaft
von Dr. Hermann Gundert.
Zehnter Jahrgang. 1866

128-144.176-190.224-235.256-279

129-131



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Der CVJM-Gesamtverband in Deutschland e.V. und mehrere Ortsvereine nennen den sechzehnjährigen „F. W. Isenberg” als ersten Gründer gemäß der CVJM-Idee. Gemeint ist

Carl Wilhelm Isenberg [1].

Er nennt in obigem Lebenslauf 1823 selbst das Datum seiner Geburt:

Von unbemittelten, aber gottesfürchtigen Eltern, W. Isenberg und Louise, geb. Stahl, wurde ich am 5. Sept. 1806 geboren zu Barmen, und aufgezogen in der Furcht und Vermahnung zum HErrn.”

Er lernt gern und früh, fürchtet aber, dabei vom Glauben abgelenkt zu werden. Pfarrer Karl August Döring (1783-1844), Begleiter der Elberfelder Kindererweckung, hilft ihm. Über Krankheitszeiten helfen die Basler Missionsnachrichten, an deren Verbreitung das Wuppertal seit kurzem Anteil hat.

1820 wird er Klempnerlehrling, noch bevor ihn Pfarrer Matthias Krall (1762-1832) konfirmiert. Die rasante Frühindustrialisierung des Tals kennt keine Jugend, aber die Verelendung der Handwerker und die moderne Lebensform des Vereins. Isenberg gründet am 1. Januar 1823 den Missions-Jünglingsverein Barmen-Gemarke. Pfarrer Dr. Franz Friedrich Graeber (1784-1857), der spätere rheinische Präses und westfälische Generalsuperintendent, unterstützt, dass der Gründer schon am 10. November selbst vor einem Weseler Missionsverein geprüft und am 1. Dezember 1824 zur Ausbildung nach Basel gesandt wird.

Christian Friedrich Spittler (1782-1867), Gründer etwa dreißig diakonischer und missionarischer Werke, hatte 1815 die Basler Mission (heute Trägerverein von mission 21 — evangelisches missionswerk basel) ins Leben gerufen. Isenberg gründet Neujahr 1825 einen Missions-Jünglingsverein Basel. Auf ihn führt sich der CVJM Basel-Nadelberg als ältester Schweizer CVJM zurück.

Als ihn das Seminar zum Studium an Missionsseminar und Universität Berlin sendet, entstehen auch dort ein Jungfrauen- und ein Jünglingsverein.

Leopold Cordier (1887-1939), Elberfelder reformierter Pfarrer, der in Gießen Theologie lehrte und die Jugendburg Hohensolms gründete, veröffentlicht 1925, ein Jahrhundert später, die Basler und Berliner Gründungssatzungen [2]. Mit den Vereinen stärken junge Männer vor allem einander und sehen die Wirkung nach außen zunächst „als untergeordneten Zweck[3]. 1826 kann Isenberg zur Gründung des Seminars der Rheinischen Missionsgesellschaft (heute Vereinte Evangelische Mission) in Barmen sein.

Carl Wilhelm Isenberg wird 1830 von der Basler Mission an die Londoner Church Mission Society übergeben. In der Kirche von England wird er ordiniert und sieht sich später ebenso als Engländer wie als Preuße. Nach einer Jerusalemreise und der Heirat mit Henriette Geerling aus Wesel ist er an drei schweren Versuchen der Mission in Äthiopien beteiligt. Weil er eigene Studien sowie Tagebücher mit Johann Ludwig Krapf (1810-1881) veröffentlicht (1843, Neuauflage 1968), bleibt sein Name mit Ostafrika verbunden. Doch stellt seine Mission wie viele die Arbeit im Nahen Osten ein und Isenberg wirkt seit 1844 in Indien u.a. in Gründung und Leitung von Schulen, bis er krebskrank vor seinem Tod am 10. Oktober 1864 in Stuttgart nach Deutschland reist.

Henriette Isenberg bringt vier Kinder in Afrika, zwei in Europa und vier in Indien zur Welt. Fünf von ihnen sterben im Kindesalter in Afrika, ein Sohn vierzehnjährig in Korntal. Der Sohn Charles William Henry Isenberg (1840-1870) wird Indienmissionar wie der Vater. Er verheiratet sich ebenso wie eine Schwester mit der befreundeten Familie Dr. Hermann Gunderts (1814-1893), des Leiters des Calwer Verlagsvereins. Dieser war 1833 von Christian Gottlob Barth (1799-1862) gegründet worden. Aus ihm entstand 1836 der Calwer Verlag.

Nach dem frühen Tod von Charles heiratet dessen Witwe Maria Gundert (1842-1902) den neuen Verlagsleiter Johannes Hesse (1847-1916). Ihr Sohn Hermann Hesse (1877-1962) erlangt Weltruhm als Schriftsteller und Träger des Nobelpreises für Literatur.



[1]
Richtig in:

Johannes Jürgensen: Vom Jünglingsverein zur Aktionsgruppe. Kleine Geschichte der evangelischen Jugendarbeit. 1980. 11f.

CVJM-Westbund: Das Reich Christi ausbreiten. Auftrag und Gestalt der CVJM-Arbeit im Westbund. Werkbuch des CVJM-Westbundes. 2. A. 1981, 8.

Jürgen Müller-Späth: Die Anfänge des CVJM in Rheinland und Westfalen. Ein Betrag zur Sozial- und Kirchengeschichte im 19. Jahrhundert. 1988, 111f.

150 Jahre CVJM-Westbund. Das Gute daran ist Jesus darin. Streiflichter aus 150 Jahren engagierter Jugendarbeit, hg. CVJM-Westbund. 1998, 8.
[1]


[2]
Quellenbuch zur Geschichte der Evangelischen Jugend, hg. Leopold Cordier. 1925, 46-61. Die dort wiedergegebenen Quellen sind: Korrespondenzblatt des Jünglingsvereins zu Basel. 1832, Nr. 1, 3 und 4; Ernst Wartmann: Geschichte des Ostdeutschen Jünglingsbundes. Zum 50-jährigen Jubiläum des Bundes am 10. Juni 1906 im Auftrage des Bundesvorstandes. 1906, 11f.
[2]


[3]
Satzungen des Baseler Jünglingsvereins, begr. 1825, aus dem „Korrenspondenzblatt des Jünglingsvereins zu Basel”, 1832, Nr. 3 und 4, I. Zweck des Vereins, in: Quellenbuch, 50:

Der Verein möchte

1. Als Hauptzweck [...] gerne einen Kreis von wahren Brüdern darstellen, die sich mit Liebe und Ernst gegenseitig ermuntern, dem Herrn Jesus Christus ganz und ungeteilt anzugehören.

2. Als untergeordneten Zweck wünscht er, solchen Jünglingen, welche die ersten Regungen der Gnade erfahren haben, eine Gelegenheit darzubieten, sich unter gleichgesinnten Brüdern, nach den Bedürfnissen ihrer Herzen, in der Erkenntnis und Treue zu befestigen.


Die Satzungen des Berliner Missionsjünglingsvereins, begr. 1827 (vgl. Wartmann, S. 11 u. 12), sagen dann:

"§ 3. Der Zweck des Vereins ist ein doppelter: Einmal nämlich, sich selbst untereinander immer mehr in diesem Glauben und in einem demselben entsprechenden christlichen Leben zu fördern, und dann auch nach außen hin zur Förderung dieses Glaubens und Lebens nach den von Gott hierzu verliehenen Kräften, in aller Demut und Einfalt und ohne alle unruhige Bekehrungssucht und Proseliten - Macherei, zu wirken und tätig zu sein, insbesondere auch für die Ausbreitung des Reiches Gottes durch die Missionen durch Gebet und Handreichung mitzuwirken.

Quellenbuch, 57.
[3]




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