Jesus


Predigt zu Johannes 10, 11-16.22-30

am Sonntag Misericordias Domini
Lützellinden    4. Mai 2003




Der Text


Chagall

Das Bild


Der gedungene Hirte von Pieter Brueghel dem Älteren

(Pieter Brueghel, vermutlich 1525 Breda - September 1569 Brüssel)

Philadelphia, Museum of Art


Liebe Gemeinde,

wir haben das Wort Jesu gehört: Ich bin der gute Hirte.

Ich habe zu diesem Bibelwort ein Gemälde gesehen. Nein, es stellt nicht den guten Hirten dar, der ein Schaf im Arm hält oder auf der Schulter trägt. Das Bild ist aufregender.

Pieter Brueghel der Ältere hat es gemalt. Mit der Landschaft und Bekleidung seiner Heimat. Flandern im 16. Jahrhundert.

Er war achtzig Jahre älter als der berühmte Rembrandt. Und man sieht von ihm gern Bilder vom prallen Leben. Bauernhochzeit. Flämische Sprichwörter, in Szenen aus dem Alltag dargestellt.

Die Bilder zur Bibel, die er vorher gemalt hat, sind nicht so berühmt. Dabei finde ich das Bild sehr modern, von dem ich jetzt spreche.

Nur ein Mensch ist zu sehen. Ein Mann. Er nimmt ein Drittel des Bildes ein. Und dennoch bleibt genug Raum für eine beängstigende Weite der flämischen Landschaft. Dennoch wirkt der Mann auf diesem weiten Feld verloren.

Der Mann läuft. Er läuft aus der Bildmitte zum Rand unten links. Bald ist er aus dem Bild herausgelaufen. Rechts vorn ist ein großer Stein. Ein Grenzstein. Noch zwei Schritte, dann hat der Mann die Grenze passiert.

Er überquert eine Grenze. Er läuft aus einem Gebiet heraus, in dem er zu Rechenschaft gezogen wird. In dem er verantwortlich ist.

Er dreht den Kopf zur rechten Bildseite. Aber nicht so weit, dass er zurück über seine Schulter sieht. Er hat auch einen kräftigen Oberkörper. Er ist ein wenig feist. Vielleicht ist er gar nicht so beweglich, den Kopf zu drehen. Und er muss ja laufen.

Wenn dahinten der Wolf ist — ich glaube nicht, dass er ihn sieht.

Ich sehe den Wolf übrigens auch nicht. Da beginne ich übrigens zu entdecken, warum ich das Bild so modern finde. Der Maler hat es geschafft, die Angst in das Bild zu legen. Die Angst, von der man gar nicht sieht, wo sie ist. Woher sie rührt. Weil man ihren Ursprung ohnehin nicht malen kann.

Ich sehe nur einige Schafe. Sie laufen wie zersprengt in mehrere Richtungen. Ehrlich gesagt, man könnte meinen, sie laufen vor dem Hirten weg. Der selber läuft.

Die meisten Schafe bewegen sich in die richtige Richtung. Denn ganz hinten, am Horizont, erahnt man ein großes Gehöft. Fahrspuren führen darauf zu. Wenn der Hirte dort zu Hause ist, dann läuft er in die falsche Richtung. Von zu Hause weg. Wie der verlorene Sohn.

Soviel sehen Sie jetzt auch vor sich, dass sie erkennen: Das ist nicht der gute Hirte auf dem Bild. Das ist der andere. Der Mietling.

Aber nicht der aus Jesu Zeit. Denn Schafe und Ziegen sind wohl sehr kostbar, ja. Aber davon, sie zu hüten, hat man noch nicht den Lebensunterhalt für den nächsten Tag. Wenn Männer in der Familie arbeiten können, werden sie sich um ein anderes Einkommen bemühen. Da lässt man den Kleinsten die Schafe hüten. Wie den David. Oder einen Gast. Wie den Jakob oder den Mose.

Wenn man für das Hüten jemandem Geld gibt, das wird nicht viel sein.

Unser Mietling auf dem Gemälde aber ist kein Tagelöhner. Ich habe schon gesagt, dass er gut gebaut ist. Ein glatter, kräftiger Mann. Seine Kleidung ist ausgezeichnet und gut in Ordnung. Ein langer Schäferstab mit Spitze in der Hand. Ein Messer am Gürtel. Eine Tasche umgehängt.

Ein Mann in Recht und Brot.

Das ist eher der Hirte, von dem wir in den Worten des Propheten auch gehört haben. Der isst das Fett und kleidet sich mit der Wolle. Der hat sich selbst geweidet. Dass es nicht die Schafe sind, die er weidet, das zeigt der Maler wirklich krass. Einer, der vor den Schafen davonläuft. Und die Schafe vor ihm.

Dieser Hirte, das ist — der Mensch. Das sind wir. Dargestellt in den besten Jahren des Lebens. In Kraft. In Vermögen. Mit Aufgaben. Der kann sehr viel. Verständlich, dass man ihm viel zutraut. Man will sich ihm anvertrauen.

Ein Mensch hat Verantwortung. Für die Gemeinschaft und für sein eigenes Leben.

In diesem Gottesdienst sind die Eltern der kleinen Jana, noch nicht ganz fünf Monate alt. Eltern mit einem Kind. Manche haben mehrere Kinder. Manche haben auch Verantwortung übernommen, nicht nur für die Kinder der eigenen Familie.

Verantwortung für Erziehung und für das Leben.

Manche haben Verantwortung für die Chancen und Möglichkeiten vieler Menschen. Sie müssen das bei ihren Entscheidungen bedenken. Und sind sich über ihre Entscheidungen gar nicht sicher.

Wir alle haben Verantwortung für das Leben. Beginnend bei uns selbst. Und die meisten haben Menschen nahe bei sich. Und stehen mit ihnen in gegenseitiger Verantwortung.

Aber es kann uns auch packen. Dass wir fliehen wollen. Heraus aus der Verantwortung.

Es kann uns auch ein schreckhafter Traum gefangen nehmen. Ich glaube den Wolf zu sehen. Und merke gar nicht mehr: So ausgerüstet wie der Mann auf dem Gemälde kann ich den Wolf doch vertreiben. Es braucht vor allem Mut. Das andere wächst dann hinzu.

Doch ich will fliehen. Ich will mich nicht in Gefahr begeben. Aber — wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt darin um.

Der Mensch ist, wenn es darauf ankommt, nichts anderes als sein eigener Herr und Hüter. Wieso soll ich meines Bruders Hüter sein? Ich will es gern sein, solang ich dabei Herr bin. Solange ich selber fett und feist werde. Reich, stark und lebendig.

Ich will mein Leben meistern. Und vielleicht das von anderen noch dazu.

Aber im Notfall will ich mich vor mir selbst verbergen. Will aus dem Bild laufen.

Weil ich viel kann und vermag. Aber im Ernstfall mir selbst ein schlechter Hüter bin. Mir selbst ein untreuer Hirte. Der sich erschrocken, ratlos, feige der Gefahr preisgibt. Weil ich, wenn es darauf ankommt, mich selbst nicht retten kann.

Ich bin eben doch nur ein Mietling. Wo ich mein eigener Herr sein will, bin ich nur ein kümmerlicher Stellverteter meines wirklichen Herrn.

Der Hirt auf Pieter Brueghels Gemälde läuft in die falsche Richtung. Der Maler hat in den Mittelgrund zwei Bäume gestellt. Fast das einzige, was beim Blick in die Weite aus der Ebene herausragt.

Und der laufende Mann ist genau auf der Linie zwischen Grenzstein und dem näher stehenden Baum. Doch — dieser näher stehende Baum ist eine dunkle Ruine. Nur ein Stamm mit wenigen Ästen. Kein Blatt. Ein toter Baum. Ein Zeichen des Todes.

Der Baum in der anderen Richtung, zum Gehöft hin, der ist heller und steht in Blättern. So hat er auch eine vollere Form. Der ist das Zeichen des Lebens.

Der Mann läuft in der Richtung des Todes.

Genaugenommen stehen vier einzelne Bäume auf dem Bild. Der ganze rechte Bildrand ist gebildet von zwei Stämmen. Vom Bildrand angeschnitten. Hier sieht man nicht, ob Blätterkronen darauf sind oder nicht. Nur ein Astansatz. Auf dem sitzt ein Vogel. Der sieht den Mann. Und hat selbst keine Angst vor dem Wolf.

Das reicht, um zu zeigen: Bei aller Weite des Feldes, bei aller Angst, ist hier eine Allee. Es gibt Wege in diesem Feld. Doch so, wie der Mann läuft, wird die Allee zur Allee des Todes.



Wir haben das Predigtwort gehört. Der gute Hirte spricht uns an. Jesus lädt ein. Er ruft in die andere Richtung. Er macht dem verlorenen Sohn, der sein eigener Herr sein will, der verlorenen Tochter, die ihre eigene Hüterin ist, Mut heimzukehren.

Es gibt eine Fahrspur durch das weite Feld. Es gibt einen Weg. Er führt auf das Gehöft zu.

Jesus selber folgt ohne Aufhebens dem Weg. Er lebt das Gebot Gottes. Er ist bei den Menschen. Bei Männern, Frauen und Kindern. Bei Starken und Schwachen. Bei Hausbesitzern und bei Ausgestoßenen. Bei den Fischern und bei den Betrügern. Bei Hungrigen. Bei solchen, die sich selbst verkaufen. Bei der Witwe, der der letzte Ernährer gestorben ist. Bei den Eltern, deren Kind bedroht ist.

Jesus teilt sein Leben mit ihnen. Er teilt die Fische und das Brot und den Wein. Und zeigt bei allem: Das ist nicht mein. Es gehört Gott. Genauso gehören ihm die, mit denen ich es teile. Genauso gehöre ich selbst ihm auch. Und dieser Vogel fällt nicht von seinem Ast, wenn Gott es nicht will.

Nur der Mietling läuft davon. Dem die Schafe nicht gehören. Was er mal meinte. Der sich selbst nicht gehört. Denn er läuft vor sich selbst davon.

Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.

Jesus ist zum Fest in Jerusalem. Chanukka, das Tempelweihfest. Das heißt: Gott zeigt seine Gegenwart bei seinem Volk. Im Tempel brennt geweihtes Öl. Gott ist da. Er wohnt bei seinem Volk. Er ist ihr guter Hirte. Er beginnt neu mit seinem Geist. Keiner muss mehr lehren und sagen: Erkenne den HERRN. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir. In die andere Richtung. Zum Leben. Zur Heilung. Zur Vergebung.

Vorher war Jesus nach dem Johannesevangelium schon mal zu einem Fest da. Zu Sukkot, dem Laubhüttenfest. Das heißt: Man kann auf dem weiten Feld zelten. Denn es gibt Wege zum Leben. Es gibt Gottes Weisung. Gott hat sich ein Volk von Priestern und Königen erwählt. Er schenkt seinen Bund und sein Gebot. Diese Menschen, die hier feiern, können Verantwortung tragen. Für ihr eigenes Leben und für andere. Sie können ein Zeichen werden und ein Licht der Völker. Denn Gott ist da bei Tag und Nacht. In der Wolken- und Feuersäule. Und Jesus sagt: Von meinem Leib strömen Quellen des Wassers zum Leben.

Das nächste Fest wird Pessach sein. Das Fest der Befreiung. Dann wird der Evangelist auf sein anderes Bild zurückkommen. Jesus ist nicht nur der Hirte. Den schon die Propheten kennen. Der durchbohrt wird. Jesus ist auch selbst — das Lamm.

Zum Pessach das Opfer und die Versöhnung. Gebrochenes Brot. Vergossenes Blut. Und mit ihm sind wir bei Gott. Schwach, aber aufgehoben wie der Vogel auf dem Ast. Befreit aus der Furcht vor dem Schrecken. Der in uns selbst steckt.

Jesus, Lamm und Hirte, ist ein König. Er wird es Pilatus sagen. Sein königlicher Dienst: Er ist dazu geboren und in die Welt gekommen, dass er die Wahrheit bezeugen soll. Das tut er. Vor Pilatus und bis an das Verbrecherkreuz. Dort wird er zum König erhöht. Zum Gegenbild aller, die nur sich selbst hüten. Und dann doch vor sich selbst fliehen. Die Wahrheit wird euch frei machen.

Jesus, der König, ist Hirte und Lamm. Er kann stark sein und er kann schwach sein. Weil er nicht sein eigener Herr und Hüter ist. Weil er weiß, dass er Gott gehört. Weil er auf der Fahrspur bleibt, dem Weg, den Gott mit seinem Volk geht.

Jesus kann sagen: Mein Vater kennt mich und ich kenne den Vater. Ich kann mein Leben lassen und kann mein Leben nehmen. Denn ich habe das Gebot des Lebens empfangen von meinem Vater. Ich gehe auf seinem Weg in der Kraft des Geistes. Die Werke, die ich tue, legen Zeugnis ab. Für mich, denn ich tue sie als Sohn und Knecht des Vaters. In seinem Namen. So sind ich und der Vater eins.

Hören Sie es? Unser Predigtwort und diese Predigt sagen uns dasselbe wie der Taufspruch für Jana. Der Vater kennt den Sohn. Und der Sohn kennt den Vater. Hier ist aufeinander Hören und einander Ansehen. Hier ist Beziehung und Zuwendung. Hier ist Gemeinschaft. Hier ist Liebe. Hier ist die Einheit des Sohnes mit dem Vater. In der Kraft des Geistes. Hier ist die Gegenwart des Vaters im Sohn. Durch den Geist.

Und wir — sind hineingenommen. Da sind die zersprengten Schafe des Hauses Israel. Und andere Schafe, die nicht aus diesem Schafstall sind. Bis hin zu uns. Bis zu Jana, ihren Eltern, Patin und Paten und allen in dieser Kirche. Auch bis zu solchen, die nicht hier sind. Auch bis zu solchen, deren Hüter wir vielleicht sein wollen und dazu doch ungeeignet sind. Auch bis zu anderen, an die wir noch gar nicht denken.

Ich bin der gute Hirte, sagt Jesus. Ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich.

Gott ist die Liebe. Und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. Der hat Teil an dieser Gemeinschaft. Der sieht auf dem weiten Feld den Weg.

Der muss nicht fortlaufen. Nicht vor der Gefahr. Nicht vor dem Leben. Nicht vor sich selbst. Der muss sich nicht in die falsche Richtung davonstehlen wie ein Dieb und ein Räuber. Der kann den Weg zum Vater gehen. Den Weg, der Wahrheit ist und das Leben. Der von der Wahrheit Zeugnis ablegt. Der das Leben bewahrt und der in das Leben mündet.

Im letzten Kapitel der Bibel lesen wir von einer Allee. Offensichtlich hat sie der Maler Pieter Brueghel in der Weite Flanderns schon gesehen:

Und er zeigte mir einen Strom von Wasser des Lebens, klar wie Kristall, der ausgeht von dem Thron Gottes und des Lammes; mitten auf dem Platz und auf beiden Seiten des Stromes Bäume des Lebens, die tragen zwölfmal Früchte, jeden Monat bringen sie ihre Frucht, und die Blätter der Bäume dienen zur Heilung der Völker.

Selig sind, die teilhaben an dem Baum des Lebens und zu den Toren hineingehen in die Stadt.

Und der Geist und die Braut sprechen: Komm! Und wer es hört, der spreche: Komm! Und wen dürstet, der komme; und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst
.

Amen.




Literatur:

Karl Barth, Der gute Hirte. Theologische Existenz heute 10, 1934 (Reprint 1980) = ders., Johannes 10,11-13. 15. April 1934, Deutsche Evangelisch-Lutherische Christuskirche Paris — Johannes 10,14-16. Mittwoch, 18. April 1934; Eröffnungsansprache zum Reformierten Konvent in der Bergkirche Osnabrück, in: ders., Predigten 1921 - 1935, hg. Holger Finze. Karl Barth Gesamtausgabe I, 1998, 305-324

Auf das Bild von Pieter Brueghel zum Text hat hingewiesen:

Jürgen Henkys, Misericordias Domini. Johannes 10,11-16, in: Göttinger Predigtmeditationen, 33. Jg. 1978/79, 203-208

S. Pope
Die Bäume des Lebens auf dem Bild hat erkannt

Stephanie Pope
Pädagogin
und Absolventin des Pacifica Graduate Institute
für Erziehung, Mythologie und Tiefenspychologie
Carpinteria CA

auf der Seite
Poetry of Response

ihrer MYTHoPOETRY


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