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Stich aus
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Friedrich Wilhelm Krummacher |
Die Farbmühle. 1846
G. D. Krummacher und das Missionshaus. 1860
Hinweise zur Farbmühle
Karl Kupisch zur Wuppertaler Erweckungsbewegung
Geistlicher Fahnenruf. 1844
Kommentar von Jürgen Müller-Späth
Eine Selbstbiographie. 1869
Das Wartburgfest und Carl Sand
Goethe auf dem Turnplatz in Jena
Goethe, Blicke ins Reich der Gnade. 1830
Lebenslauf
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[1] Ohngefähr im Mittelpunkt des Wupperthals, wenige Minuten seitwärts von der das kolonieartig gebaute B a r m e n der Länge nach durchschneidenden Landstraße, erhebt sich auf dem jenseitigen Ufer der Wupper, welche hier in einer rauschenden Cascade über ein hohes Wehr herabfällt, am Fuße eine buschichten Anhöhe ein einsam gelegenes Haus, auf dem das Auge der protestantischen Thalbevölkerung noch lange mit einiger Pietät und Erkenntlichkeit ruhen darf, und das für eine kommende Generation einst den Wehmuth atmenden Nimbus eines historischen Denkzeichens an eine k i r c h l i c h e V e r g a n g e n h e i t gewinnen könnte, deren Herrlichkeit dahin wäre, und eine Wiederverjüngung nicht mehr erlebte. Aus diesem Hause flossen den Bewohnern des Thales ein ganzes Vierteljahrhundert hindurch neben den materiellen Stoffen, die es ihren Fabriken liefert, und denen es den Namen der „Farbmühle” verdankt, noch andere, ungleich edlere Güter zu; denn eins seiner obern Gemächer, dessen Fensteraussicht einen großen Theil des freundlichen [80] und gewerbreichen Thales beherrscht, war der Sammelplatz, wo vierzehntäglich die sämmtlichen Prediger Barmens und Elberfelds zu gemeinsamer Betrachtung des göttlichen Worts und zu vertraulichen Unterhaltungen über Erfahrungen der Amtspraxis und über kundgewordene geistliche Nothstände und Bedürfnisse der Gemeinen sich vereinigten. Der jetzige Hof- und Domprediger Dr. S t r a u ß in Berlin, damals Pastor an der lutherischen Gemeinde zu Elberfeld, legte, begeistert und hoffnungstrunken von den ersten G l o c k e n t ö n e n eines neu erwachenden Kirchenfrühlings, im Jahre 1817 zu dieser gesegneten Conferenz den Grund, und eröffnete dieselbe mit höchst anziehenden, und eine geraume Zeit lang fortgesetzten Mittheilungen aus den Schriften der Kirchenväter. Später konstituierte sich der Verein vorzugsweise zu einem praktisch-exegetischen, und machte es zur festen Regel, daß stets ein Buch des alten oder neuen Testamentes im Grundtexte gemeinschaftlich durchgenommen, und der jedesmal interpretierte Abschnitt desselben für den Tag als Hauptgegenstand der brüderlichen Besprechungen festgehalten werde. So wurden während des fünf und zwanzigjährigen Bestehens der Gesellschaft unter andern die sämmtlichen neutestamentlichen Bücher, und die meisten derselben zu wiederholten Malen durchexegesirt, und die Gemeinen des Thales mögen es nachträglich erfahren, daß unzählige Gedankenschätze, die sie Sonntags aus ihren Gotteshäusern als eine kostbare Beute mit sich heim nehmen durften, an einem der Dienstage vorher in dem trauten Bruderkreise des hohen und sonnighellen Farbmühlensaales gehoben worden waren.
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[2] Daß unter einzelnen Gliedern des schönen Bruderbundes n ä h e r e Beziehungen und i n n i g e r e Sympathien sich erzeugten, war natürlich: in der „ a l l g e m e i n e n L i e b e” machte sich die „ b e s o n d e r e” geltende. Nichtsdestoweniger darf a l l e n nachgerühmt werden, daß sie „ein Herz und eine Seele” waren, und wie Ein Geist sie beseelte, so ein Glaube sie, und [406] zwar h i e r schon, selig machte. — A l l e n war die h e i l i g e S c h r i f t von dem ersten ihrer Bücher bis zum letzten ein göttlich eingegebenes unfehlbares Wort, über das bis auf Tüttel und Jota die besiegelnde Kraft der großen Bezeugung des Herrn sich erstreckte: „Himmel und Erde werden vergehen, aber m e i n e Wort werden nicht vergehen.” Allen hatten sich im Wege eigenen Innewerdens die biblische Lehre von dem sittlichen G r u n d v e r d e r b e n , dem g e i s t l i c h e n T o d e und der V e r s ö h n u n g s b e d ü r f t i g k e i t des „natürlichen Menschen” als eine unwidersprechliche Wahrheit erwiesen, ja in ihrer Evidenz bis zur Handgreiflichkeit gesteigert. — Ihnen a l l e n standen die drei Artikel von der G o t t h e i t Christi, des vorweltlichen Logos, von der A l l g e n u g s a m k e i t Seines stellvertretenden Verdienstes zu unsrer Seligkeit, und von der R e c h t f e r t i g u n g d e s S ü n d e r s a l l e i n d u r c h d e n G l a u b e n a n I h n , als die Fundamentalpfeiler des ganzen Christenthums unerschütterlich und unumstößlich fest. Und wie sie a l l e einen andern Weg zum Ziel der himmlischen Berufung nicht kannten, als den der „ W i e d e r g e b u r t aus Wasser und Geist”, so hofften sie einmüthig auf eine Wiedergeburt der W e l t in Christo, und harrten zuversichtlicher Erwartung voll der W i e d e r k u n f t des Herrn zur Vollendung Seines Reiches entgegen. Auf dieser gemeinschaftlichen Glaubensbasis standen sie zusammen wie e i n Mann, und wenn auch hinsichtlich einiger anderer Lehrpunkte allerdings mitunter eine Verschiedenheit der Ansichten in dem Freundeskreise hervortrat, so vermochten doch d i e s e Differenzen so wenig trennend oder auch nur die Liebe dämpfend auf die Brudervereinigung einzuwirken, daß sie vielmehr nur das Zusammensein w ü r z e n , und die gemeinsamen Besprechungen ersprießlich b e l e b e n mußten. — Namentlich war es die P r ä d e s t i n a t i o n s l e h r e , die oft dem Anscheine nach in b e d e n k l i c h s t e r Weise die Kriegsfackel in die Versammlung hineinschleuderte; aber wie heftig dann auch Schriftwort gegen Schriftwort blitzte, und wie stürmisch dem „So liegt es nun nicht an Jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen”, das: „Gott will, daß a l l e n geholfen werde” entgegengehalten wurde,
so ging es doch Jedem nur um Ermittlung der biblischen W a h r h e i t , und nicht um Durchsetzung eines vorgefaßten Theorems, und endlich pflegten die Streitenden sich immer wieder in dem gemeinsamen Bekenntnisse zu e i n i g e n , daß sie aus ihrer [407] p e r s ö n l i c h e n E r f a h r u n g heraus allerdings gestehen müßten: „ N i c h t i c h habe Christum, sondern Christus hat m i c h e r w ä h l t”, daß sie aber eben sowohl in dem apostolisch:
„Da es Gott gefiel, seinen Sohn in mir zu offenbaren, alsobald f u h r i c h z u , und besprach mich nicht darüber mit Fleisch und Blut” einen Theil ihrer e i g e n e n Bekehrungsgeschichte widerfänden; das G e h e i m n i ß aber, welches in diesem scheinbaren Widerspruche liege, sich jedenfalls der menschlichen S p e k u l a t i o n entziehe.
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[3] So schrieb ich vor vierzehn Jahren. Ich trage folgendes unsern Freund [Friedrich Immanuel Emil Sander] Betreffende nach. [... 89] Einen höhern Genuß aber gewährte es, ihm zuzuhorchen, wenn er die hohen Artikel der Reformation: von der Allgenugsamkeit des Wortes Gottes, von der Rechtfertigung durch den Glauben, und von der Freiheit der Kinder Gottes biblisch begründete, und dann ihre Herrlichkeit zu preisen anhub. Wie ein junger Adler schlug er dann die Flügel flammender Begeisterung hoch über die Häupter des Bruderkreises hin, bis — wie es nicht selten geschah, irgend eine nüchtern-praktische, aber tief einschneidende Bemerkung des geistvollen, aber allem Extravaganten und Schwärmerischen wenig geneigten Pastors G o t t f r i e d D a n i e l K r u m m a c h e r dem im Geist Entrückten auf das Niveau der wirklichen Lebenserfahrung wieder zurückhalf. Diesem, dem älteren und erfahreneren der Brüder, der darum auch immer mit einer gewissen Devotion im Verein begrüßt, ja als eine theologische Autorität verehrt ward, ist überhaupt das Verdienst zuzugestehen, zur Aufrechterhaltung des Gleichgewichts zwischen einer zu idealistischen Anschauung und Anerkennung der thatsächlich Bestehenden in unserm Sander Vieles beigetragen zu haben. Charakteristisch ist, was einst bei der Feier der Grundsteinlegung zu dem neuen Missionshause in Barmen geschah. Sander hatte eben in begeistertster und [90] schwunghaftester Weise die Weiherede gehalten, und in derselben unter Anderm gesagt: „Nun haben wir einmal ein Haus, zu welchem wir allem Unheiligen den Eingang verschließen können;” und es folgte daraus das dem genannten Pastor von Elberfeld übertragene Schlußgebet, welches er in seiner seltsam eintönigen, aber scharf markirten und eigen energischen Art mit den Worten eröffnete: „Herr Jesu! Hat selbst in das P a r a d i e s die alte Schlange den Eingang zu finden gewußt, so wird auch d i e s e s H a u s wohl kaum vor ihr gesichert sein! Aber laß Du ihr ihren Willen nicht; sondern zertritt ihr den Kopf, in welcher Gestalt sie immer nahen möge!” Nach der Feier ging Sander lächelnd auf den Beter zu, und dankte ihm, „daß er ihn so schön corrigirt, und so sanft aus den hohen Lüften auf die Erde zurückgeholt habe.” ”
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Seit 1817 — nach den Befreiungskriegen — trafen sich die Pfarrer des Wuppertals vierzehntägig in der Farbmühle in Unterbarmen.
Die Konferenz war begründet von Dr. Gerhard Friedrich Abraham Strauß (1786-1863), lutherischer Pfarrer, der 1814 von Ronsdorf nach Elberfeld kam. In derselben Gemeinde gingen Anstöße lange Zeit aus von Karl August Döring (geboren 22. Januar 1783 in Mark Alvensleben bei Magdeburg, gestorben 17. Januar 1844 in Elberfeld). Er wurde 1816 nach Elberfeld berufen. Beide Pfarrer dieser Gemeinde hatten zur selben Zeit in Halle studiert und waren unter anderem durch die Herrnhuter Brüdergemeine beeinflusst, vielleicht auch schon vor ihrer Elberfelder Zeit direkt oder indirekt durch die 1780 gegründete und nach Basel verlegte Deutsche Christentumsgesellschaft. Strauß nahm an den Treffpunkten des reformierten Elberfelder Kaufmanns Johann Ball (geboren 1764) teil, in dessen Haus am Kerstenplatz am 3. Juni 1799 zwölf Männer die Elberfelder Missionsgesellschaft gründeten. 1817, nach dem Tod des ersten Seniors der Gesellschaft, Hermann Pelter (1738-1817), wurde Döring Präsident dieser Gesellschaft. Die Elberfelder Missionsgesellschaft widmete sich seit 1821 der Mission unter Juden bis zu einer Erklärung von Johann Balls Sohn, Pfarrer Ernst Friedrich Ball (1799-1855), am 17. Juni 1829, sich von jetzt an ganz der Heidenmission zuzuwenden. Döring erlebte und begleitete in seinem ersten Jahr am Ort die Elberfelder Kindererweckung von 1816.
Besonders zusammen mit Fabrikanten, Kaufleuten und Lehrern reagierten die Pfarrer aller Gemeinden auf die durch das nationale Aufgewühltsein freigesetzten Gefühle, auf die dramatisch zunehmende soziale Veränderung und Verelendung im industriell sich modern entwickelnden Tal, auf die Angst vor Revolution gegen eigene gehobene Stände statt gegen Napoléon, auf das von ihnen abgelehnte emanzipierte und materialistische Denken, auf Aufklärung und Romantik, das Erstarken auch der katholischen Kirche, die regen Verbindungen etwa nach England und in die Schweiz mit den erwecklichen und missionarischen Anstößen und das neue Wissen über Regionen der Welt. Sie waren an der Bildung und Leitung der vielen entstehenden neuen „Vereine” beteiligt. Anstöße der „Stillen im Lande” wurden in nach außen gerichtete Tätigkeit umgesetzt. In den 1820-er Jahren traten teils sehr junge Männer als Gründer der Missionsjünglingsvereine, Traktat- und Bibelgesellschaften auf. Ein Jahrzehnt später wurden Vereine eher für Handwerksgesellen und junge Fabrikarbeiter gegründet, um sie vor Vereinsamung und Verwahrlosung zu schützen.
1816 kam Gottfried Daniel Krummacher (geboren 1. April 1774 in Tecklenburg, gestorben 30. Januar 1837 in Elberfeld) in die reformierte Gemeinde Elberfeld. 1820 kam Wilhelm Heuser (1790-1868) von Ronsdorf nach Wupperfeld. 1822 wurde Friedrich Immanuel Emil Sander (geboren 1. Dezember 1797 in Schaaffstedt bei Halle, gestorben 28. April 1859 in Wittenberg) in die unierte Gemeinde Wichlinghausen berufen, 1838 nach Elberfeld. Am 24. April 1822 wurde die Vereinigte Evangelische Kirchengemeinde Unterbarmen durch Loslösung des angewachsenen Stadtteils aus den reformierten und lutherischen Gemeinden Elberfelds gegründet, aktiv gefördert durch den Textilfabrikanten Johann Caspar Engels (geboren 28. Februar 1753 in Barmen, gestorben 20. Juli 1821 in Barmen), den Großvater Friedrich Engels’. Der Reformierte Karl Wilhelm Moritz Snethlage (geboren 23. September 1792 in Hamm, gestorben 17. Februar 1871 in Berlin) und der Lutheraner Johann Wilhelm Jakob Leipoldt (1794-1842) wurden die beiden ersten Pfarrer dieser Gemeinde. 1825 kam Dr. Friedrich Wilhelm Krummacher nach Gemarke, wo Dr. Franz Friedrich Graeber (1784-1857) die andere Pfarrstelle innehatte.
Mindestens Strauß, Döring und F. W. Krummacher waren auch schriftstellerisch tätig — trotz des Gedichts „Jetziges Bücherwesen” von Karl August Döring, das sich heute in Markus Kolbeks Leipziger Bücherlei findet. Strauß veröffentlichte 1818-1821 in 2. Auflage drei Bände Glocken-Töne. Erinnerungen aus dem Leben eines jungen Geistlichen, auf die F. W. Krummacher anspielt, und 1868 Abend-Glocken-Töne. Erinnerungen eines alten Geistlichen.
Zwei Darsteller der Geschichte dieser Erweckung, Friedrich-Wilhelm Krummacher (1901-1974) und Jürgen Müller-Späth, betonen die besondere Bedeutung einerseits von Gottfried Daniel Krummacher, andererseits von Karl August Döring für die verantwortliche Begleitung der Erweckungszeit im Wuppertal. Richtig ist, dass dies die beiden, sonst sehr unterschiedlichen Personen unter den Pfarrern sind, die über viele Jahre bis zu ihrem Tod in Elberfeld blieben. Beide verrichteten ihr Amt lange ohne Familie, bis Döring noch spät eine Familie gründete.
Aus dem Kreis der Pfarrer der Farbmühlenkonferenz, die F. W. Krummacher ihrerseits als einen „Verein” bezeichnete, wurde Strauß ab 1822 in Berlin Hof- und Domprediger, Professor für praktische Theologie und Wirklicher Oberkonsistorialrat. Sein in Elberfeld geborener Sohn Friedrich Adolph Strauß (1817-1888), der sich schon als Berliner Student in das Gästebuch der Farbmühle eintrug, begründete nach einer Jerusalemreise von 1844-1846 am 2. Dezember 1852 in Berlin den Jerusalems-Verein. Auch er wurde 1870 Hofprediger und 1892 Superintendent in Potsdam. F. W. Krummacher wurde Hofprediger in Potsdam. Graeber wurde 1836 Präses der Rheinischen Provinzialsynode (der noch keine Befugnisse zwischen den Synodaltagungen hatte) und 1847 von der Königlichen Regierung eingesetzter Generalsuperintendent für Westfalen. Snethlage wurde in Berlin 1844 Hof- und Domprediger und 1863 Oberhofprediger. Sein Vater, Bernhard Moritz Snethlage (geboren 28. Mai 1753 in Tecklenburg, gestorben 19. November 1840 in Berlin), war dort zuletzt Direktor des Jochimthalschen Gymnasiums und Konsistorialrat gewesen.„Die Himmelsstürmer von 1825 sind 1850 Konsistorialräte Friedrich Wilhelms IV.”
Karl Barth, Der Römerbrief (Erste Fassung) 1919. Hg. Hermann Schmidt.
Karl Barth Gesamtausgabe II. 1985, 290.
Johann Wilhelm Jakob Leipoldt, der erste Leitende Inspektor der Rheinischen Missionsgesellschaft, konfirmierte Friedrich Engels (geboren 28. November 1820 in Barmen, gestorben 5. August 1895 in London), dessen Tante väterlicherseits 1821 Leipoldts Kollegen Snethlage geheiratet hatte. Mit den beiden Söhnen des Elberfelder Pfarrers Graeber, Friedrich und Wilhelm Graeber, erörtete Friedrich Engels seinen Abschied aus der Glaubenswelt des Wuppertals. Seine eben abgeschlossene Darstellung „Die Lage der arbeitenden Klasse in England. Nach eigner Anschauung und authentischen Quellen” (MEW 2, 225-506 Lüko Willms gutenberg), „die erste moderne systematische Sozialreportage” (Günter Brakelmann), wurde 1845 in Versammlungen in Elberfeld vorgestellt, an denen der Anwalt Maximilian Hugo Wesendonck (1817-1900), der Maler Gustav Adolf Köttgen (1805-1882) und der Publizist Moses Heß (1812-1875) mitwirkten. Dies waren die ersten sozialistischen Versammlungen in Deutschland.
Nach dem Ende der Farbmühlenkonferenz, noch vor 1847, initiierte Johann Ludwig Müller (1802-1873), Pfarrer in Mettmann, in Elberfeld die Wuppertaler Predigerkonferenz, bei der es sich nach Einschätzung des Historikers Albert Rosenkranz um die erste rheinische Pfarrkonferenz handelte.
Der Name der „Farbmühle”, der auf die wirtschaftliche Rolle der Texttilfabrikation hinweist, hat sich als Straßenname in Wuppertal-Unterbarmen bis heute erhalten.
Hintergrundeinschätzung von Karl Kupisch
„Für das immer sehr rege gewesene religiöse Leben des Wuppertalers war eine Erweckung nichts Überraschendes. Sie bedeutete hier auch nicht, wie in anderen Gegenden Deutschlands, einen Bruch mit irgendeiner als überwunden angesehenen Vergangenheit. Freilich: die Zeit jener Tafelrunde von 1774, wo Männer wie Lavater, Jung-Stilling, Collenbusch, die Hasenkamps, Jacobi und schließlich doch auch der schon reichlich im „weltlichen Raum” sich ergötzende junge Goethe mit den strengsten Pietisten immerhin beisammensitzen konnten, war vorüber, die den Außenstehenden immer wieder überraschende geistige Weite eines, wenn auch damals gewiß schon recht problematischen Nebeneinanders der verschiedensten Naturen war jetzt nicht mehr vorhanden. Man hat deshalb von einer Verengung als charakteristischem Merkmal der Erweckung gesprochen. Aber dieser Ausdruck scheint mir eine nicht ganz hinreichende Bezeichnung für eine richtige Beobachtung zu sein. Die Herauslösung der auf Bibel, Gebet und persönlichem Christusglauben gegründeten Erweckung aus der universalistischen Geistesbewegung des ausgehenden 18. Jahrhunderts entsprang einer inneren Notwendigkeit, wenn die Erweckung sich nicht schon im Ansatz wieder auflösen wollte. Was an ihr pietistisches Erbe war, konnte für sich gewiß nicht mehr bestehen, sondern mußte den schicksalhaften Bund mit der im Taufbecken der Romantik restaurierten Orthodoxie eingehen. Damit war aber zwangsläufig die neue Frontstellung gegen die aus dem Zerfall des Idealismus auf der linken Seite freigewordenen Kräfte des Liberalismus gegeben, der seinerseits sich nun stärker mit den Ideen, die sich zuerst in der Französischen Revolution durch- [25] gesetzt hatten, zu durchtränken begann. Eine Verengung des Denkens und Handelns hat es dabei fraglos auch auf diesem Ufer gegeben, und man sollte gerade heute ein Auge dafür haben, wie stark Menschen und Dinge im Banne des liberalistischen Dogmas und seiner Absenker gestanden haben.”
Karl Kupisch
Vom Pietismus zum Kommunismus — Zur Jugendentwicklung von Friedrich Engels
in: ders., Vom Pietismus zum Kommunismus. Historische Gestalten, Szenen und Probleme
1953, 11-70, 24-25Karl Kupisch wurde am 14. Februar 1903 in Berlin geboren. Er wurde an der Kirchlichen Hochschule Berlin 1946 Dozent und 1951 Professor für Allgemeine Geschichte und Kirchengeschichte, an der Technischen Universität Berlin 1955 Honorarprofessor für Allgemeine Religions- und Geistesgeschichte. Er stellte neuere Kirchen- und Theologiegeschichte bewusst und kritisch im Horizont der politischen und sozialen Herausforderungen dar. Das schloss auch die Geschichte des CVJM und der Deutschen Christlichen Studenten-Vereinigung ein. Karl Kupisch starb am 13. Oktober 1982 in Berlin (West).
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[...] Was uns endlich in dieser unsrer Zeit vor Allem obliegt, ist ein frisches, fröhliches und thatkräftiges Eingehn in den von Gott gewiesenen Weg der B i b e l v e r b r e i t u n g s - u n d M i s s i o n s t h ä t i g k e i t , in welche die welterobernde Gnade für die Gegenwart ihre Macht zu kleiden für gut befindet; ein Eingehn in diesen vom Glanze tausendfacher neuer Heils- und Gnadenwunder umleuchteten Weg, mit unsern F ü r b i t t e n zuerst für die große Sache, mit unserer p e r s ö n l i c h e n T h ä t i g k e i t sodann in freudiger Entfaltung und lauter Anpreisung unsrer M a g n a C h a r t a , des theuern Gotteswortes, unter Freunden und Feinden, mit unsern L i e b e s s t e u e r n und G a b e n zur Ausrüstung des geistlichen Streiterheeres, dem G e r i n g s t e n , das, sofern Gott nicht u n s s e l b s t unter seine Feldstandarten ruft, von uns gefordert werden mag; und endlich mit wechselseitigen brüderlichen Ermunterungen nicht laß zu werden in der großen seligen Steinträger- und Maurerarbeit beim Aufbau des herrlichen Tempels seines Reiches.[...]
[...] Das Document unseres Berufes liegt allseitig entfaltet vor uns.
Ziehen wir denn die Marken unsres Bruderbundes für die heilige Sache immer weiter; nur daß, während der Kreis nach Außen sich vergrößert, das Band der Gemeinschaft nach Innen sich immer fester schlinge. E i n i g u n g thut noth in dieser zerspaltenen, zerrissenen Zeit, und d a s um so mehr, da der Feind seine Kräfte zu concentriren weiß, wie nie. Drum, wo E i n h e i t in dem W e s e n t l i c h e n des Christenthums sich findet, da werde die Parthei-Ansicht in den Nebendingen gern verleugnet. Worin aber besteht der K e r n des Evangeliums? In den Wahrheiten etwa, daß ein G o t t , daß Christus auf dem Gebiete der S i t t e n l e h r e die entscheidende A u t o r i t ä t sei, und nach d i e s e m Leben ein a n d e r e s zu erwarten stehe? O, das sei ferne! Wessen Glaube nicht weiter reicht, den rechnen wir in unser heiliges Büdniß nicht mit [16] ein. Und schrumpfte bei solcher Schätzung unser Banner zu einer Handvoll auch zusammen; immerhin! So sind wir die Dreihundert G i d e o n s , die dem H e r r n genugsam waren, um mit ihnen das Lager Midians zu erstürmen. Das W e s e n t l i c h e ist das Leben des Glaubens in Christo, als in dem e i n i g e n H e i l a n d e und M i t t l e r a r m e r S ü n d e r . Wo d a s uns entgegenduftet, da Glück zu! Hand füge sich da in Hand, und zärtlich ertöne der heilige Brudergruß! — Unsere c h r i s t l i c h e n A n s t a l t e n , diejenigen der M i s s i o n insonderheit stehen noch in ihrer Kindheit. Es m e n s c h e l t in Allem und überall; so je und dann auch h i e r . Aber das Mangelhafte, das ihnen noch etwa anklebt, mit freiem, weitem Herzen übersehen! Verkürzt G o t t den Anstalten um ihrer Gebrechen willen den S e g e n nicht, wie möchten w i r ihnen unsre L i e b e drum verkürzen? — Wollte man freilich Männer, die die G e i s t e s t a u f e nicht empfingen, auf den Kampfplatz schicken, dann n e i n ! Wollte man F a n a t i k e r senden, einseitig und fleischlich entbrannte für die eine und andere m e n s c h l i c h e Fassung christlicher Nebenlehren; — nein! Dann lieber f ü n f am Glauben gesunde Leute ins Feld gestellt, als hundert verkrüppelte und sieche. Die f ü n f e werden die fünf Brode sein, dem H e r r n ausreichte für fünftausend Hungernde.
[...] ”
Geistlicher Fahnenruf, in: Palmblätter 1, 1844, Jan./Feb., 15-16
Danach hier wiedergegeben.
Es handelt sich um den Eröffnungsbeitrag des Herausgebers für die erste Ausgabe der Palmblätter.
Größtenteils auch abgedruckt in
Jürgen Müller-Späth
Die Anfänge des CVJM in Rheinland und Westfalen. Ein Beitrag zur Sozial- und Kirchengeschichte im 19. Jahrhundert
Schriftenreihe des Vereins für Rheinische Kirchengeschichte Band 90
1988
121-122; 128
Für die Einsicht in die Palmblätter, Organ für christliche Mittheilungen, hg. 1844-1846 von Friedrich Wilhelm Krummacher, der Jahrgang 1848 dann „unter Mitwirkung von Dr. Friedr. Wilh. Krummacher” von „ Pastor F[riedrich Immanuel Emil] Sander, danke ich Stephan Busch und der Historischen Bibliothek Elberfeld. Schon zum umfangreichen pädagogischen, theologischen, geschichtlichen und poetischen Werk von F. W. Krummachers Vater gehört die Herausgeberschaft von vier Bänden Palmblätter, Erlesene morgenländische Erzählungen von J. G. Herder und A. J. Liebeskind, 1816-1819.
Kommentar von Jürgen Müller-Späth
„In den 1840er Jahren waren im Wuppertal mehrere erwecklich ausgerichtete Zeitschriften gegründet worden. Dies weist auf ein spezifisches Drängen hin, die Mittel der modernen Publizistik auch von seiten der Kirche zu nutzen. [...] Die Leser wurden [...] aufgefordert, die „Welt” mitzugestalten. Mithin ging es in diesen Zeitschriften vor allem um die Darlegung der Grundlage, worauf jeglicher von der Kirche ausgehende Gestaltungswille beruhen sollte. Der menschliche Gestaltungswille sei zwar grundsätzlich auf ein bestimmtes Ziel ausgerichtet, aber die der Erweckungsbewegung zuzurechnenden Zeitschriftengründer meinten ihn dennoch vor Abwegen bewahren und auf das Ziel hinlenken zu müssen, worauf der „von Gott gewiesene Weg” hinführe. [...]
[122] Eindeutig richtete Krummacher jegliche Vereinstätigkeit auf beide, „Freunde und Feinde”. Erbauung und Mission bzw. Defensive und Offensive werden hier wieder als zwei Seiten ein und derselben Medaille gesehen. Das Freund-Feind-Verhältnis kann nach Meinung der Erweckten nur durch Mission aufgehoben werden, denn ihr Ziel ist gerade die Umkehrung des Feindes in einen Freund. Nur durch das Herüberziehen des Feindes in das erweckte Lager wird nach Krummachers Meinung das Freund-Feind-Schema überwunden. Mission ist mithin ohne Kampf nicht möglich, da sich der Feind immer erst wehren wird, das anzunehmen, was die Erweckten als „Magna Charta” anbieten, bzw. es so anzunehmen, wie sie dieselbe anbieten. Aber Krummachers Siegesbewußtsein gründet sich darauf, daß die Erweckten nicht von sich aus das Heer der Streiter aufstellen, sondern daß Gott sie „unter seine Feldstandarten ruft”. [...]
[129] Krummacher unternimmt hier aber insofern eine folgenschwere Gleichsetzung, als er den Heiligen Geist bzw. den Geist Gottes mit dem der Erweckungsbewegung identifiziert. Dieser Geist, so will Krummacher es glauben machen, stehe in einem kontradiktorischen Gegensatz zu demjenigen der Moderne, der aus der autonom gesetzten Vernunft, d. h. aus dem „Fleisch” hervorgehe und der mithin identisch mit dem sich wie eine Krankheit ausbreitenden modernen Unglauben sei. ”
aaO., 121-122.129Mein Bonner Studienkollege Dr. Jürgen Müller-Späth studierte Evangelische Theologie, Geschichte und Geographie. Er wurde Wissenschaftlicher Assistent und Gymnasiallehrer und gehört dem Beirat des Vereins für Rheinische Kirchengeschichte an.
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[...] Die Männer, für welche wir schwärmten, und dies schon darum, weil sie unseren Gesellschafts- und in manchen Beziehungen auch unseren Ideen-
[51] kreisen am nächsten traten, waren der Historiker L u d e n und der bereits erwähnte Philosoph F r i e s. Der letztere bezauberte uns sowol durch die Lieblichkeit, Frische und Eleganz seines Vortrages, als vornehmlich durch das Feuer seines deutschen P a t r i o t i s m u s, das seine Worte durchglühte. Verstand Einer es, die jugendlichen Gemüther in nachhaltigster Weise zu begeisterter Vaterlandsliebe zu entflammen, so war er es, und das um so mehr, da auch sein Enthusiasmus je zuweilen gleich dem unseren, wenn auch sehr in’s Allgemeine hinein, einen r e l i g i ö s e n Schwung nahme. Das religiöse Element in seiner Philosophie beschränkte sich auch auf ein ästhetisches Entzücken über das in der Erscheinungswelt ahnend angeschaute ewig S c h ö n e und E r h a b e n e, nahm uns aber schon durch seine poetische Wärme ein und gewährte uns in seiner fließenden Unbestimmtheit Raum, ihm unterzulegen, was immer uns beliebte. Wohl nur Wenige der Unseren durchschauten das System des subjectivistischen Philosophen genugsam, um ihn nicht auch über das biblische Christentum, als über das Erhabenste in der Erscheinungswelt, e n t z ü c k t zu glauben und um einzusehen, daß, das er „ G l a u b e n” nannte, eben nur subjective, an keinen positiven Wahrheitsinhalt gebundene U e b e r z e u g u n g s t r e u e war. Wodurch aber F r i e s vornehmlich unsere Herzen eroberte, war das fraternisirende Verhältniß, in das er zu uns eintrat. Nicht allein ließ er sich herab, uns eine Reihe öffentlicher Vorlesungen über unseren studentischen Wahlspruch: „ F r i s c h , f r e i , f r ö h l i c h , f r o m m !” zu halten, sondern schenkte auch allen unseren burschenschaftlichen Einrichtungen und Unternehmungen das eingehendste Interesse. Ihm wurden unsere Statuten vorgelegt und er behandelte sie revidirend mit einem Ernste, als wären sie ein Staatsgrundgesetz. Er half uns das Duell auf feste Prinzipien basiren und zeichnete uns für das Schieds- und Ehrengericht die geltenden Normen vor. Er applaudirte sogar selbst, mindestens von seinem Fenster aus, den ob auch
[52] nicht sinnlosen, so doch oft genug allzu muthwilligen Narrentheidingen, welche nicht selten auf offenem Marktplatz getrieben wurden. So meinte er einmal selbst aus dem tollen Mummenschanz, in welchem wir, zuerst angeregt O k e n ’s freisinniges Journal „ d i e I s i s” und dessen Titel-Vignette, ebendaselbst vermittelst pikanter lebender Tableaus das Zopf- und Philisterthum so wie die Demagogenriecherei, die schon damals im Schwange ging, in drastischer Weise dem Gelächter des Publikums preisgaben, etwas von der Verwirklichung der Idee seiner „bessern Welt” aufdämmern zu sehen. F r i e s war es auch, der vor Anderen das Feuer schüren half, aus welchem 1817 die für Viele so verhängnißvoll gewordene W a r t b u r g s f e i e r hervorging. Ich gestehe, daß ich heute noch mit reiner Freude an diese Feier zurückgedenke. In ihr kam, was damals kurz nach den Befreiungskriegen überhaupt an gehobener Stimmung, patriotischer Begeisterung, religiöser Erregung und freudiger Ahnung einer besseren sittlichen, gesellschaftlichen und staatlichen Zukunft in der deutschen Jugend lebte, zur schönsten und verheißungsreichsten E n t f a l t u n g. Die Studentenschaft der Wartburg erschien, wenigstens in ihrem Kern, als der würdige Pendant derjenigen, welche im Jahre 1517 zu Wittenberg um Luther sich schaarte. Eine germanisch-christliche Wiedergeburt des Vaterlandes in Staat, Kirche und Haus war das freilich nur in duftigen Phantasiebildern angeschaute Ideal, das uns den Busen schwellte. Wohl bedurften die Elemente, die in dem großen geistigen Siedekessel wundersam durcheinander brodelten, noch sehr der Klärung. So, glaube ich, waren sich wohl nur Wenige des Grundes deutlich bewußt, aus dem sie so andächtig, begeistert und gerührt an der, den solennen Höhepunkt des ganzen Festes bildenden gemeinsamen C o m m u n i o n in der Eisenacher Stadtkirche sich betheiligten. Religiöses und Patriotisches, Ascetisches und Burschenschaftliches, Romantik und Politik, irdische und himmlische Minne und was Alles
[53] sonst noch mischte sich darin zusammen. Edle Bestandtheile ohne Frage, nur noch in embryonischem und ungeläutertem Zustande. Uebrigens machte sich in Reden, Trinksprüchen und Resolutionen, welchen Freiheitsdurst sie auch athmeten, von r e v o l u t i o n ä r e n Tendenzen auch nicht die l e i s e s t e Spur bemerkbar. Wir schwärmten für ein e i n i g e s , f r e i e s D e u t s c h l a n d. Wir träumten auch von einem neuen deutschen Kaiser, den wir bald in unserem hohen Gönner C a r l A u g u s t, bald in dem K ö n i g e v o n P r e u ß e n , bald in irgend einem anderen der deutschen Fürsten schon zu entdecken wähnten. Aber der Gedanke an Umsturz irgend eines unserer deutschen Regententhrone lag uns fern. Ja die zahlreiche, Ton angebende Schaar ritterlicher und mit Ordensbändern decorirter Freiheitskämpfer in unserer Mitte, unter welchen auch Grafen und Barone sich befanden, erachteten den Patriotismus von der den angestammten Fürsten gebührenden Huldigung und ehrfurchtsvollen Hingebung für unzertrennlich; und selbst bei dem abendlichen Autodafé des B ü c h e r v e r b r e n n e n s auf dem Wartenberge, das übrigens nur als Intermezzo und als Impromptü einzelner Weniger eintrat, geschah und verlautete n i c h t s , wodurch jener Grundsatz auch nur im entferntesten verletzt worden wäre. Genug, wer nur das Wartburgfest mitgefeiert hat, wird sich desselben noch, wie Einer derselben sich ausdrückt, „als eines M a i e n t a g s seiner Jugend” erinnern! Wem der damaligen Festgenossen stehen nicht noch die Freunde N i e m a n n, S i e v e r s e n, G r a f K e l l e r, F r o m m a n n, L e o und Andere als Typen urwüchsig deutscher Jünglingsnaturen vor der Seele? Und unter ihnen auch der unglückliche C a r l S a n d, in dem die christlich-ethische Schwärmerei, die wir in einem gewissen Grade ziemlich Alle mit ihm theilten, zu der ewig beklagenswerthen fanatischen Spitze auswuchs. Ich kannte ihn schon lange, ehe der Wahn ihn umstrickte. Auf einer Reise beherbergte er mich sogar mehrere Tage in E r l a n g e n. Ich
[54] vergesse die schönen Stunden nicht, die ich dort mit ihm verlebte. Er war damals eine reine, christlich angeregte, für alles wahrhaft Edle und Schöne hochbegeisterte und um die sittlichen Zustände des Vaterlandes, wie sie sich im Ganzen noch kundgaben, tief bekümmerte Seele. Zur Zeit der Wartburgfeier brannte allerdings schon sein dunkles Auge in einem Feuer, das den ihn näher Beobachtenden mancherlei Sorgen um ihn einflößte. Aber einer That, wie er sie zwei Jahre später verübte, hatte ihn, den in allen Stücken der höchsten sittlichen Selbstvervollkommnung zustrebenden Jüngling, Niemand fähig geglaubt. Freilich wußte man nicht, daß er in dem Manne, den er nachmals — wie er wähnte, im Namen Gottes — dem Tode weihte, den Hauptverräther und Sittenverderber seines über Alles heißgeliebten deutschen Volkes erblickte. Die Herren und Damen, die auf dem Schaffot zu M a n n h e i m in S a n d’s Blut ihre Taschentücher tauchten, waren verirrt, wie er selbst. Die aber still bei seinem Grabe um ihn trauern als um einen der edelsten Sprößlinge des deutschen Volksstammes, der aber an dem Philosophen, welcher die subjective Ueberzeugungstreue mit dem christlichen Glauben verwechselt, zu Grunde gegangen, befinden sich in der r e c h t e n Richtung und stehen in der W a h r h e i t.
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Eine Selbstbiographie. 1869
Diese Biographie wurde nicht von Friedrich Wilhelm Krummacher veröffentlicht, sondern von seinen Nachkommen, denen er sie als Fragment hinterließ.
Zu dem Text Goethes vgl.
Blicke ins Reich der Gnade. Sammlung evangelischer Predigten von D. Krummacher, Pfarrer zu Gemarke. Elberfeld 1828
in: Johann Wolfgang Goethe. Werke. Hamburger Ausgabe in 14 Bänden. Bd. 12, 12. A. 1994, 356-357
Erster Druck: Kritische Prediger-Bibliothek, Hg. Joh. Friedr. Röhr, Bd. 11, Heft 1, 1830, 21ff
Friedrich Wilhelm Krummacher wurde am 28. Januar 1796 in Moers am Rhein als erstes der sechs Kinder von Friedrich Adolf Krummacher (1767-1845) aus Tecklenburg und der Eleonore Christine Krummacher, geb. Möller, (1763-1844) geboren. Seine Geschwister sind Emil Wilhelm (1798-1886, verheiratet mit Charlotte Marie Hollmann), Marianne Wilhelmine (1799-1880, verheiratet mit Gustav Ludwig Natorp, 1797-1864, damit mit einer weiteren erstaunlichen Familie), Eduard Christian (1803-1891, verheiratet mit Adelheid Natorp, 1805-1863, und Leopoldine Arens, 1839-1913), Julie (1804-1909, verheiratet mit Wilhelm von Kügelgen) und Julius (1807-1893, verheiratet mit Adelheid von Kügelgen). Friedrich Adolf Krummacher, der Vater, hat zu seiner Zeit einen Namen als Dichter und Schriftsteller (heute noch bekannt das Lied „Eine Herde und ein Hirt”). Er hatte in Bremen unterrichtet und war in Hamm Konrektor und Stifter einer Freimaurerloge, in Moers Rektor, wird 1801 Doktor der Theologie und Professor der Theologie und Beredsamkeit an der Universität Duisburg, die in der napoleonischen Besatzungszeit bereits stark vom Niedergang bedroht ist und 1818 schließt (wiedereröffnet 1972). Nachdem er die Leitung des Schulwesens im Fürstentum Lippe-Detmold sowie eine Pfarrstelle in Düren ablehnt und eine Pfarrstelle in Krefeld nicht durch die französischen Behörden bestätigt wird, wird F. A. Krummacher 1807 Pfarrer in Kettwig, 1810 Präses der Klevischen Synode und 1812 Landesssuperintendent, Konsistorialrat und Oberprediger im Herzogtum Anhalt-Bernburg, wo er die Bekenntnisunion einführt. 1820 lehnt er aus gesundheitlichen Gründen eine Professur in Bonn ab und wird von 1824 bis zu seinem Ruhestand 1843 Pfarrer an St. Ansgari, Bremen. Gottfried Daniel Krummacher ist ein jüngerer Bruder Friedrich Adolfs. Die Eltern der beiden Brüder Friedrich Adolf und Gottfried Daniel sind Friedrich Jakob Krummacher (1735-1791) und Maria Dorothea, geb. Strücker (1736-1796).
Bilder von Friedrich Adolf Krummacherstellen der Nachfahre Gottfried Wilhelm Krummacher, Brügg,
und die Seite Berühmte Bernburger der Hochschule Anhalt (FH)
online zur Verfügung, letztere auch ein Bild seines Schwiegersohns Wilhelm von Kügelgen (geboren 20. November 1802 in St. Petersburg, gestorben 25. Mai 1869 in Ballenstedt). Dieser hat nach seinen bekannten „Jugenderinnerungen eines alten Mannes” als Fünfzehnjähriger auch dem Bernburger Landesbischof Krummacher den Beinamen „Ätti” gegeben.Friedrich Wilhelm studiert in Halle und Jena Theologie, teilweise zusammen mit seinem Bruder Emil, und nimmt 1817 am deutschen Burschenschaftsfest auf der Wartburg teil. Er erwirbt den Titel eines Doktors der Philosophie. Nach einer Zeit als Hilfsgeistlicher ab 1819 in der Reformierten Gemeinde Frankfurt wird er 1823 Pfarrer in Ruhrort. 1825 wählt ihn das Presbyterium der Gemeinde Gemarke in Barmen zum Pfarrer, nachdem er Anfragen aus Langenberg und Kronenberg abgelehnt hatte. Die reformierte Gemeinde Elberfeld wählt ihn 1830 nach Diskussionen und knappem Wahlausgang zu ihrem Pfarrer. F. W. Krummacher nimmt aber erst eine zweite Wahl 1834 an. Eine Berufung an das Theological College in Mercersburg, Pennsylvania, lehnt er ab und empfiehlt Philipp Schaff (1819-1893), damals Berlin, der die Dozentur antritt und als Historiker und Kirchenhistoriker bekannt wird. 1847 wird F. W. Krummacher Pfarrer an der Dreifaltigkeitskirche in Berlin und 1853 als Hofprediger nach Potsdam berufen. Seine viel besuchten, aber auch kritisch beurteilten Predigten sind von romantischer Sprachgewandtheit, auch 1833 beim Besuch des kronprinzlichen Paares in Elberfeld. Zwei Predigten, mit denen er 1840 in St. Ansgari, Bremen, rationalistische Theologie angreift, führen in der Presse zum „Bremer Kirchenstreit”, auch durch Berichte von Friedrich Engels, der auf Wunsch seines Vaters in Bremen eine Kaufmannslehre absolviert. Engels wohnt bei Pfarrer Georg Gottfried Treviranus (1788-1868). Dieser hat Frauenvereine und viele weitere Assoziationen gegründet, fördert die dortige erste deutsche Sonntagssschule, nimmt 1851 zusammen mit F. W. Krummacher an der zweiten Tagung der Evangelischen Allianz (Evangelical Alliance, in Deutschland zuerst „Evangelischer Bund”) in London teil und organisiert die zweite Tagung des Evangelischen Kirchentages.
Krummacher veröffentlicht vor allem Predigten und biografische Darstellungen.
Friedrich Wilhelm Krummacher starb am 10. Dezember 1868 in Potsdam, ein Jahr nach seiner Frau Charlotte, geb. Pilgram, aus Frankfurt (18. Mai 1799 - 25. Dezember 1867). Das Grab der Familie ist erhalten.
Unter den drei Kindern bleibt als Dichter auch der Sohn Cornelius Friedrich Adolf Krummacher (geboren 16. Juni 1824 in Ruhrort, gestorben 5. Februar 1884 in Wernigerode) in Erinnerung („Stern, auf den ich schaue” 1857).