Jesus

Predigt über Lukas 2, 41-52

am 2. Sonntag nach dem Christfest, dem 5. Januar 2003
in der Evangelischen Kirche Lützellinden





Liebe Gemeinde,

wovon handeln biblische Texte, die für die Weihnachtszeit ausgewählt sind? Für die Zeit des Christfestes?

Ja. Sie handeln von Christus. Es ist angebracht, dass uns heute, am Ende der Weihnachtszeit und am Anfang des Jahrs der Bibel — 2003 — die Frage Gedanken macht: Wer ist Jesus Christus? Für uns?

Jesus soll die Losung sein,
da ein neues Jahr erscheinen;
Jesu Name soll allein
denen heut zum Zeichen dienen,
die in seinem Bunde stehn
und auf seinen Wegen gehn.

[Benjamin Schmolck 1726]


Da waren schon mehrmals Worte aus dem Beginn des Lukasevangeliums für die, die auf seinen Wegen gehn. Oder, die seinen Weg suchen. Gut ist es, diesen Beginn des Evangeliums mal für sich zu lesen.

Unser heutiger Abschnitt spricht in jedem Vers von Jesus. Kein einziger Vers, in dem er nicht genannt ist. Allerdings, fast immer steht da nur das kurze Wörtchen er. Oder ihn, ihm.

Nur zweimal steht da der Name Jesus. Im dritten Vers: Als sie nach Hause gingen, blieb Jesus in Jerusalem. Jesus, der Knabe. Der Junge. Der Sohn.

Und im allerletzten Vers: Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gunst bei Gott und den Menschen.

Auf der ganzen Welt werden die beiden ältesten mit der Hand auf Pergament geschriebenen Exemplare des Neuen Testaments, die es gibt, aufbewahrt im Vatikan und in Leipzig. Das Buch in Leizig ist sogar das einzige vollständig erhaltene Neue Testament unter allen alten griechischen Handschriften. Viele haben mal die Geschichte gehört, wie der Leipziger Gelehrte Constantin Tischendorf sie entdeckt hat. Es war im Katharinenkloster auf dem Sinai. Und wie es hohe Politik, Abenteuer und Rückschläge kostete, bis die Wissenschaft dies Buch nutzen durfte.

Dieses handgeschriebene Buch hat in unserem Abschnitt zuerst sogar nur einmal, nur in dem letzten Vers geschrieben „Jesus”. Beim ersten Mal ist der Name erst nachträglich eingesetzt.

Die Frage Wer ist Jesus Christus? kann also an jedem Vers aufbrechen. Aber dennoch gehen die Worte sie nicht sehr laut und betont an. Nur unauffällig. Nur verhüllt. Die Frage nach Jesus Christus hat offenbar ihr Geheimnis. Es wird uns keine Antwort so plump hingeworfen. Womöglich nur die Begriffe hingeworfen, die wir dann zu glauben haben. Nein, man bekommt keine Antwort vorgeworfen. Dieser Frage Wer ist Jesus Christus? muss man selber auf die Spur kommen.

Schon zu Jesu Geburt hören wir im Lukasevangelium einen Engel. Der sagt: Euch ist heute der Heiland geboren. Der ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Also — ein Befreier. Der Messias. Und der Herr. Auf Davids Spuren. Ist das nicht einer aus Israel, der vor Gott steht? Und einer von Gott, der in Israel steht? Und für Israel?

Als er acht Tage alt ist, tritt nach dem Lukasevangelium einer im Tempel auf. Simeon. Ein alter Mann. Auf dem war der Geist. Wie auf dem Menschen aus der Lesung nach Jesaja [Jesaja 61, 1]. Simeon hat auf den Trost Israels gewartet. Und er sagt vom kleinen Jesus:
Ein Heiland,
bereitet vor allen Völkern.
Ein Licht, zu erleuchten die Heiden
zum Preis Israels
.

Der Trost Israels macht Israel groß. Und er bringt allen Völkern Licht. Uns. Und beteiligt uns — zum Preis Israels.

Und jetzt ist Jesus zwölf Jahre alt. Ein Junge. Der sagt selber was. Das erste Wort von ihm selbst, das uns das Lukasevangelium aufschreiben will und kann:

Warum habt ihr micht gesucht? Wisst ihr nicht, dass ich in dem Haus sein muss, an dem Ort, der meinem Vater gehört?

Übrigens geht die Reihe der Aussagen über Jesus dann im nächsten Kapitel in umgekehrter Reihenfolge weiter. Erst spricht ein Mitmensch.. Dann wieder eine Stimme aus der himmlischen Welt.

Da sagt ein Mitmensch, den das Wort Gottes gepackt hat, Johannes, der Täufer, einiges von Jesus, das nun eine Spur härter klingt. Was der Kommende mit Israel macht: Der wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen. Der fährt den Weizen in die Scheune ein. Und die Spreu — alle Spelzen und allen Balast — die verbrennt er.

Und wenn uns am nächsten Sonntag nicht die Gebetswoche beschäftigen würde, dann würden wir vielleicht hören: Jesus ist etwa dreißig Jahre alt geworden. Und wird getauft. Da passiert etwas aus der himmlischen Welt. Da kommt der Geist auf ihn. Da sagt eine Stimme aus der himmlischen Welt — so wie am Anfang eine Stimme des Engels kam — : Du bist mein lieber Sohn. An dir habe ich Wohlgefallen.

Was wurde noch mal gesungen? Zu Weihnachten?

Was ist bei denen, an denen Gott Wohlgefallen hat?Ehre für Gott. Und Friede auf Erden.

Denk über all das nach. Du musst für dich auf seine Spur kommen. Auf deine Spur: Wer Jesus ist. Für dich.

Zwischen all den Aussagen und Spuren sind jetzt wir. Zwischen den Stimmen der Mitmenschen. Und den Stimmen aus der himmlischen Welt. Mitten drin. Wir sind bei Jesus. Dem Jungen. Dem Sohn. Der sich wundert, wenn wir ihn suchen. Weil doch klar ist, wo er ist. Wo er sein muss. Bei dem, was seinem Vater gehört.

Vielleicht wirst du bei einem Zwölfjährigen mit Ausreißerverdacht gespannt. Da steht: Jesus nimmt zu. Vor Gott und den Menschen. Er macht Fortschritte.

Da denkst du: Halt! Hier entwickelt sich was. Das will ich sehen. Jesus ist zwölf Jahre jung. Noch nicht mal ein Teenager. Eine einmalige Gelegenheit, hier hinzuschauen.

Wie ist denn Jesus wohl zu dem gekommen, was er so gesagt und getan hat? Was hat überhaupt Jesus von sich selbst gedacht? Wer er ist? Was ist in ihm so vorgegangen? Was hat sich in ihm entwickelt? Aus ihm?

Tja — vielleicht musst du feststellen: Das alles sagt dir das Lukasevangelium nicht. Jedenfalls nicht so, wie wir diese Fragen stellen. So ist das, wenn es Antworten nicht einfach fertig zum Vorsetzen gibt.

Du bekommst nur die Grundinformationen. Aber die müssen wir wenigstens haben.

Manche von uns waren schon im ersten Tag des Jahres hier in der Kirche. Da haben wir schon an Information gehört: Jesus ging nach seiner Gewohnheit am Sabbat in die Synagoge. Und wollte da auch lesen. Und da steckt es dann. Im fast Alltäglichen. Im Verlesen der Schrift an jedem Sabbat. Da sagt Jesus: Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt. Vor euren Ohren [Lukas 4, 16-21].

Jetzt hören wir: Seine Eltern gingen alle Jahre nach Jerusalem zum Passafest. Und zwar gehen sie hinauf nach dem Brauch des Festes. Nach dem Herkommen. Nach der Gewohnheit. Nach dem Gebot. Mit Jesus.

Also: Jesus gehört am Sabbat in die Synagoge. Und gehört zum Passa nach Jerusalem. In den Tempel. Zum Opferaltar. Zu dem geht man nämlich hinauf.



Und da, mitten im Alljährlichen, sagt Jesus: Ich gehöre an den Ort, der meinem Vater gehört. Da muss ich sein.

Jetzt kann einer kommen und sagen: Aber der Engel Gabriel ist mit Wort und Geist in das Provinznest Nazareth gekommen. In das verachtete Galiläa der Heiden. Nicht in den Tempel.

Ja. Stimmt.

Und Jesus ist auf dem furchtbaren Hügel Golgota grausam umgekommen. Der lag vor der heiligen Stadt Jerusalem. Der Ort war doch unrein. Der war außerhalb der Stadtmauer. Wie der Schindanger von Wetzlar. Auf dem man Kadaver entsorgte. Und ausgerechnet dort, Am Anger in Büblingshausen, steht heute eine Gnadenkirche.

Ja. Stimmt.

Doch die andere Seite ist: Lukas beginnt die Handlung seines Evangeliums im Tempel. Am Ort der Gegenwart Gottes unter seinem Volk. Im Gottesdienst des Priesters Zacharias. Und Lukas beendet die Handlung seines Evangeliums im Tempel. Am selben Ort der Gegenwart Gottes unter seinem Volk. Da segnen Jesu Jünger Gott. Als Jesus sie gesegnet hat und zu Gott aufgefahren ist.

Und Lukas gebraucht übrigens im Neuen Testament am meisten von allen den feierlichen hebräischen Namen für Jerusalem. Nicht die griechische Bezeichnung. Bis zum Pfingsttag macht er das so.

Und mitten im Evangelium, zum Passa, gehört Jesus nach Jerusalem. Das Passa ist das Fest der Befreiung Israels. Aus aller Sklaverei herausgeführt. Weil es Gott gehört. Gottes Volk. Und das Licht der Heiden.

Beim Sedermahl, das das Passa eröffnet, soll sich der Hausvater bis heute, wenn er das ungesäuerte Brot isst und den Wein trinkt, auf einem bequemen Stuhl zurücklehnen und den Ellbogen auf die Lehne stützen. Weil das ein Sklave nicht tun darf. Nur ein freier Mann. Nur ein Sohn der Freiheit. Ein freier Sohn Gottes.

Da gehört Jesus hin. Der Trost Israels. Das Licht, zu erleuchten die Heiden. Als freier Sohn Gottes. Der als freier Sohn Gottes alles erfüllt, was geboten ist. Das Fest. Alle Festtage. Und das Studium der Schrift. Mit den Fragen und Antworten der Lehrer. Und auch das Gebot, die Eltern zu ehren. Jesus, der mit ihnen hinab geht nach Nazaret und ihnen untertan ist. An dem Gott Wohlgefallen hat.

Als Jesus zwei- bis dreimal so alt ist, feiert er mit seinen Jüngern das Mahl. In Jerusalem. Dort, wo er leiden wird und verworfen wird. Der Menschensohn in die Hände der Menschen gegeben. Ausgeliefert an die Heiden.

Da teilt er Brot und Wein aus. Und teilt sich selbst mit und sagt: Gebrochen, vergossen — für euch. Und für die vielen. Trost Israels und Licht der Heiden.

Als freier Sohn Gottes tut er das. Der sein muss bei dem, was seinem Vater gehört. Der an dem Ort sein muss und unter dem Volk. Und bei allen vielen, die Gott hinzurufen will. Soweit das Licht der Heiden strahlt.

Der geht in den Tod auf diesen unreinen, verfluchten Hügel. An dem die heidnische Militärmacht Rom ihre Rechtsgewalt ausübt, wenn sie den hinrichtet, der in der heiligen Stadt verworfen wurde. Der geht in die Hölle und sagt dabei: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Und auch: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände.

Und Gott hat an ihm Wohlgefallen. Noch am Ostermorgen.

Und Gott schenkt ein Pfingstfest für Juden und Judengenossen, die zum Tempel nach Jerusalem kommen. Zum Ort seiner Gegenwart. Gott gießt den Geist aus über der Predigt von dem gekreuzigten und auferstandenen Jesus. Von dem Trost Israels. Der im Haus seines Vater ist.

Und der Geist fällt auch auf einen Angehörigen der römischen Militärmacht, der Gott fürchtet. Cornelius heißt er. Mit dem setzt sich Petrus an den Tisch so wie Jesus zu den Zöllnern und Sündern. Dem verkündet Petrus den Gekreuzigten und Auferstandenen. Den die Propheten angesagt haben zur Vergebung der Sünden Israels.

Und mitten im Innern Kleinasiens voller Gottheiten der Fruchtbarkeit und des Rausches erkennen Barnabas und Paulus: Gott hat a u c h  s i e  zum Licht der Heiden gemacht bis an die Enden der Erde. Da preisen dort Menschen den Gott Israels und sein Wort. Da ensteht eine Gemeinde des Jesus aus Nazaret, der im Haus seines Vaters sein wollte [Apostelgeschichte 13, 44-49]. Da schreiben die Apostel an solche Gemeinden: Wer den Sohn hat, der hat das Leben. Der hat einen Ort bei Gott. Der hat den Weg gefunden. Die Wahrheit. Das Leben. Der kommt zum Vater. Durch ihn. Durch den Sohn.

Jesus hat die Schrift und die Verheißungen gelernt. Mit den Lehrern hat er sie in Frage und Antwort erprobt. So, wie es alle tun sollen.

Für die jüdische Religion wird ein Mädchen mit zwölf Jahren volljährig und ein Junge mit dreizehn. Dann sollen sie alles wissen und ausüben können, was geboten ist. Es ist üblich, dass man es ein Jahr vorher schon erprobt. Mit Überprüfung. Noch ohne die ganze Verantwortung des Volljährigen.

Jesus hat gelernt, wohin er gehört. Von Anfang an. So, wie es schon bei seiner Geburt gesagt und verkündet wurde. Wie es schon galt, als der Prophet des Buches Jesaja den Geist verkündete.

Aber Gott ist in ihm, in seinem Messias, auch im Galiläa der Heiden, in Nazareth. Und auch dort, wo die Verbrecher und Verfluchten enden. Am Kreuz.

Maria seine Mutter, versteht das noch nicht. Aber sie bewegt seine Worte. Er ist seinen Eltern untertan. Aber er gehört ihnen nicht. Er muss in dem sein, was seinem Vater gehört.

Jesus geht mit. Er geht auch mit uns. Aber er kann uns verloren gehen. Wir glauben manchmal, er ist in unserer Reisegruppe. Genau auf dem Weg unserer Abteilung. In unserer Karawane. Bei unseren Verwandten.

Da können wir uns irren. Denn er ist in dem, was seinem Vater gehört.

Dann müssen wir uns wieder aufmachen. Und ihn suchen. Die drei Tage der Schmerzen lang. Um ihn zu finden bei seinem Vater. In dessen Wort. In Israel. Und unter den Verachteten. Zwischen den Schächern, die ans Kreuz kommen. Bei seinen geringsten Schwestern und Brüdern.

Damit auch wir durch den Trost Israels und das Licht der Heiden zum Vater kommen.

Amen.



Diese Predigt wurde abgedruckt in

Tun, was Gott gefällt
Predigten für Bertold Klappert zum 65. Geburtstag
hg. Antje Menn [Oktober 2004]
40-45

als Festgabe überreicht beim
„Tag zum Dialog: Dialog mit Israel und Dialog mit den Religionen”
der Kirchlichen Hochschule Wuppertal am 30. Oktober 2004
anlässlich des 65. Geburtstages von Prof. Dr. Bertold Klappert


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