Evangelische Kirche im Rheinland

Ausschuß für außerdeutsche Ökumene und Weltmission
der Evangelischen Kirche im Rheinland 1996



Schreiben von Oberkirchenrat Dr. Jürgen Regul vom 31. Juli 1997



Israel und die christliche Mission

Vorlage des landeskirchlichen Ausschusses
„Außerdeutsche Ökumene und Weltmission” vom 20.05.96






Empfehlung für die Kirchenleitung:

Die Evangelische Kirche im Rheinland bittet und beauftragt ihre Vertreterinnen und Vertreter in der Vollversammlung, dem Rat, den Ausschüssen und der Regionalversammlung Deutschland von United in Mission [1], in das Gespräch und die Zusammenarbeit mit den Vertreterinnen und Vertretern der mit ihr verbundenen Kirchen den von der Evangelischen Kirche im Rheinland begonnenen Prozeß zur Erneuerung des Verhältnisses von Kirche und Israel, Christen und Juden, und die sich daraus ergebenden Folgerungen auch in die Praxis von United in Mission einzubringen.

Dabei weist die Kirchenleitung auf folgendes hin:

1. „Die Erkenntnis christlicher Mitverantwortung und Schuld an dem Holocaust, der Verfemung, Verfolgung und Ermordung der Juden im Dritten Reich”,

— die Einsicht, daß Verkündigung und Praxis der christlichen Kirche fast von den Anfängen an meistens israelfeindlich, mindestens jedoch israelvergessen war,

— ein neues Verstehen und Auslegen der Hl. Schrift Alten und Neuen Testamentes,

— die Einsicht, daß das überkommene Verhältnis zwischen Kirche und Israel, Christen und Juden in seinem Grund neu bedacht werden muß

— und „die Bereitschaft von Juden zu Begegnung, gemeinsamem Lernen und Zusammenarbeit trotz des Holocaust

führten zum Beschluß der Landessynode 1980 der Evangelischen Kirche im Rheinland „Zur Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden” und zum Beschluß der Landessynode 1996, den Grundartikel der Kirchenordnung um eine Aussage über das Verhältnis zwischen Kirche und Israel zu ergänzen.

2. Im Beschluß von 1980 hat die Landessynode u.a. erklärt:

— „Wir bekennen uns dankbar zu den „Schriften” (Lk. 24,32 und 45; 1.Kor. 15,3f.), unserem Alten Testament, als einer gemeinsamen Grundlage für Glauben und Handeln von Juden und Christen.

— Wir bekennen uns zu Jesus Christus, dem Juden, der als Messias Israels der Retter der Welt ist und die Völker der Welt mit dem Volk Gottes verbindet.

— Wir glauben die bleibende Erwählung des jüdischen Volkes als Gottes Volk und erkennen, daß die Kirche durch Jesus Christus in den Bund Gottes mit seinem Volk hineingenommen ist.

— Wir glauben mit den Juden, daß die Einheit von Gerechtigkeit und Liebe das geschichtliche Heilshandeln Gottes kennzeichnet. Wir glauben mit den Juden Gerechtigkeit und Liebe als Weisungen Gottes für unser ganzes Leben. Wir sehen als Christen beides im Handeln Gottes in Israel und im Handeln Gottes in Jesus Christus begründet.

— wir glauben, daß Juden und Christen je in ihrer Berufung Zeugen Gottes vor der Welt und voreinander sind...


Mit Beschluß von 1996 hat die Landessynode den Grundartikel der Kirchenordnung der Evangelischen Kirche im Rheinland folgendermaßen ergänzt: Die Evangelische Kirche im Rheinland „bezeugt die Treue Gottes, der an der Erwählung seines Volkes Israel festhält. Mit Israel hofft sie auf einen neuen Himmel und eine neue Erde.”

3. Welche Folgerungen sind daraus für das Verständnis von Mission heute zu ziehen?

— Israel hat sich nicht selbst erwählt und die Kirche hat nicht sich selbst berufen. Subjekt der Erwählung Israels und der Berufung der Kirche ist Gott. ER erwählt Israel, damit es sein Zeuge unter den Völkern sei (Jes. 43,10). ER beruft Menschen aus allen Völkern und Schichten, um „seine Herrlichkeit unter den Völkern zu verkündigen” (Jes. 66,19) und für den Namen Jesu „Gehorsam des Glaubens zu bewirken unter allen Völkern” (Röm 1,5). Der Auftrag zu Zeugnis und Verkündigung kommt von IHM. Es ist die missio dei, an der uns zu beteiligen und mitzuwirken wir berufen sind.

— Wenn die Kirche sich zum Dienst an der missio dei rufen läßt, anerkennt sie zugleich die bleibende heilsgeschichtliche Bedeutung Israels.

— Sie glaubt, daß vor ihr und neben ihr Israel berufen ist, die Herrlichkeit des einen Gottes in dieser Welt zu bezeugen.

— Die Kirche glaubt, daß auch sie durch Jesus Christus vom Gott Israels zu den Völkern gesandt ist. Den Religiösen wie den Religionslosen bringt das christliche Zeugnis mit dem Namen Jesu zugleich den Namen und die Wirklichkeit seines göttlichen Vaters, des Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs.

— „Das Evangelium Gottes” (Röm. 1,1) oder „das Evangelium Jesu Christi” (Mk. 1,1) bezeugt „Gnade und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus” (Röm. 1,7). Es verkündet Jesus als die Bestätigung der dem Volk Israel anvertrauten Gottesverheißungen (2.Kor. 1,20; Röm. 15,8). Es wird zur Rettung aller Menschen verkündigt (1.Tim. 2,4) und bringt die Entscheidung zwischen Leben und Tod (2.Kor. 2,14-16). Es nimmt die, die es hören und tun, mit auf den Weg zum Leben (Ps. 16,11; Joh. 14,6).

— Aus diesen Gründen hat die Landessynode 1980 auch erklärt: „Wir bekennen uns zu Jesus Christus, dem Juden, der als Messias Israels der Retter der Welt ist und die Völker der Welt mit dem Volk Gottes verbindet” und ferner: Wir glauben, daß Juden und Christen je in ihrer Berufung Zeugen Gottes vor der Welt und voreinander sind; — „darum sind wir überzeugt, daß die Kirche ihr Zeugnis dem jüdischen Volk gegenüber nicht wie ihre Mission an die Völkerwelt wahrnehmen kann.”

4. Welche Folgerungen für die Praxis von Mission sind daraus zu ziehen?

— Das Gespräch mit Israel hat theologisch einen anderen Charakter als das Gespräch mit den übrigen Religionen. Der Dialog mit Israel kann nicht unter der Rubrik „Dialog mit anderen Religionen und Weltanschauungen” abgehandelt werden.

— Christliche Mission kann niemals die jeweilige Religions- und Kulturgeschichte eines Volkes anstelle der Bundesgeschichte Gottes mit Israel (quasi als deren Altes Testament) treten lassen. Die Verkündigung des Evangeliums, Taufe und Lehre (die Tora, wie Christus sie auslegte) beziehen die Christen aus den Völkern in eine Geschichte ein, die Gott mit der Berufung Abrahams und der Erwählung Israels begonnen und der er mit der Verheißung eines neuen Himmels und einer neuen Erde ihr Ziel gesetzt hat.

— Es gibt in der Menschheit nur eine heilsgeschichtlich bedeutsame Unterscheidung unter den Menschen: die von Volk Gottes und der Völkerwelt. Diese biblische Klärung kann vor Hochmut eines Teils der Völkerwelt (sog. christliches Abendland bzw. die sog. zivilisierte Welt) gegenüber anderen Völkern und Nationen bewahren. Vor Gott haben sie voreinander keinerlei Vorrecht.

— Es gibt kein „auserwähltes Volk” neben Israel.

— Die Erkenntnis, daß die Kirche bzw. die Christenheit nicht allein, sondern immer in einer Mit-Zeugenschaft zu Israel „Mission” treiben kann, verbietet alles imperiale Gehabe im Vollzug von Mission.

— In der Begegnung mit dem Volk Gottes, seiner Geschichte und seinen theologischen Überlieferungen bis heute können Christen lernen, die Einbettung von Glaubensaussagen in kulturelle Zusammenhänge zu würdigen.

— Im theologischen Dialog mit Juden können Christen die Kontextbezogenheit ihrer eigenen theologischen Überlieferung bis in zentrale Bereiche ihrer Glaubensbekenntnisse hinein besser erkennen.

— Kirchen lernen von Israel die Leiblichkeit und Sozialität des Menschen sowie die Bedeutung der Schöpfung zu würdigen. Dies hat auch Folgen für das Verständnis der Mission im Sinne der Teilhabe an Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung.

— Christliche Mission kann von Israel lernen, in der Zerstreuung als Minderheit zu leben und ohne Machtansprüche doch in Verkündigung und Diakonie, in Wissenschaft und Kultur zum Segen vieler zu werden.

— Christen lernen von Juden, daß das Bekenntnis des Glaubens immer im Lebensvollzug geschieht.

5. Umkehr und Erneuerung: Die Evangelische Kirche im Rheinland als zur Gemeinschaft von VEM/United in Mission zugehörige Kirche

Ausgehend von ihrer Neubesinnung auf das Verhältnis zwischen Kirche und Israel sucht die Evangelische Kirche im Rheinland auch im Rahmen von United Evangelical Mission „Umkehr und Erneuerung” im Blick auf die Art und Weise christlicher Mission.

Die protestantische, von Europa und Nordamerika ausgehende Mission der Neuzeit besteht seit ungefähr 200 Jahren. Dank und Hochachtung gebührt all jenen Männern und Frauen der Vergangenheit, die sich gerufen wußten, das Evangelium zu möglichst allen Menschen und Völkern zu bringen. Sie folgten dem Ruf zur Mission, so wie sie ihn vernahmen, und haben dabei viele Entbehrungen, oft schwerster Art, auf sich genommen. Es kann nicht bestritten werden, daß ihr Einsatz für die Verkündigung des Evangeliums und für die Ausbreitung des Glaubens ein Segen für viele Menschen und Völker gewesen ist.

Im Nachdenken über Auftrag und Art der christlichen Mission kann die Evangelische Kirche im Rheinland aber auch nicht verschweigen und leugnen, daß

— Mission die nicht zu christlichen Kirchen gehörenden Menschen vielfach ohne Rücksicht auf ihre eigenen kulturellen und religiösen Wurzeln ansprach,

— Mission in der Vergangenheit oft mit einem religiösen und kulturellen Überlegenheitsanspruch verbunden war und

— Mission in der Vergangenheit immer wieder auch nationalen Ansprüchen folgte und koloniale Praxis vorbereitete oder ihr folgte.





Die vorstehende Fassung gibt die mit dem Schreiben von Oberkirchenrat Dr. Jürgen Regul am 31. Juli 1997 versandte Vorlage unter Korrektur zweier offensichtlicher Schreibfehler wieder. Die Anmerkung ist dieser Online-Fassung angefügt.





Anmerkung
[1]

„United in Mission” wurde als Bezeichnung für den Prozess der Umwandlung der vorherigen deutschen Missionsgesellschaft „Vereinigte Evangelische Mission” in eine internationale Gemeinschaft von Kirchen verwendet.

Die Gemeinschaft heißt seit ihrer Konstituierenden Vollversammlung vom 2. bis 9. Juni 1996 in Bielefeld-Bethel

Vereinte Evangelische Mission — Gemeinschaft von Kirchen in drei Erdteilen (VEM)
United Evangelical Mission — Communion of Churches in three Continents (UEM)

Mission Evangélique Unie — Communion d'Eglises dans trois Continents (MEU).



Die Rheinische Mission (gegründet 1828, die Elberfelder Missionsgesellschaft als älteste Vorgängerorganisation entstand 1799) und die Bethel-Mission (gegründet 1886) schlossen sich 1979 zur Vereinigten Evangelischen Mission (VEM) zusammen. Aus ihrer Arbeit sind Partnerkirchen in Namibia, Indonesien, China und Tanzania entstanden. Seit 1960 sind weitere Partnerkirchen in Sri Lanka, Rwanda, der Demokratischen Republik Congo, Kamerun, den Philippinen und Indonesien hinzugekommen. 1979 schloss sich die Zaire-Mission der VEM an. Die Partnerkirchen in den genannten Ländern sind heute gemeinsam mit sechs deutschen Kirchen die 34 Mitgliedskirchen der VEM, zu denen die von Bodelschwinghschen Anstalten Bethel als weiteres Mitglied hinzukommen. In der Gemeinschaft begegnen sich lutherische, reformierte, unierte, methodistische, anglikanische, presbyterianische, baptistische Kirchen und die Jünger-Christi-Kirche. Es bestehen Kontakte zur chinesischen Drei-Selbst-Bewegung.

Johann Wilhelm Jakob Leipoldt, erster Leitender Inspektor der Rheinischen Missionsgesellschaft

Gottfried Daniel Krummacher zur Einweihung des Missionshauses in Barmen

[1]









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