Was wir brauchen: eine Abraham-Initiative für Versöhnung und Frieden

Abraham – Zeuge und Vater des Glaubens an den einen Gott

Juden, Christen und Muslime leben als Nachbarn zusammen – das verbindet sie miteinander: als Bürger Deutschlands, Europas, der einen Welt sind sie Weggenossen, die auf ihrem Weg nach Gottes Willen für sie und die Welt fragen.
Für die drei Religionen Judentum, Christentum und Islam ist die Figur Abrahams von herausragender Bedeutung. Er ist für sie Zeuge und Vater des Glaubens an einen Gott – das verbindet sie miteinander: als Kinder Abrahams sind Juden, Christen und Muslime Geschwister.
Wenn wir heute etwas für den Frieden zwischen den Religionen und den Frieden in Deutschland, in Europa, in der einen Welt tun wollen, dann kann es hilfreich sein, dass wir uns auf diese grundlegende Gemeinsamkeit besinnen.
Die Abraham-Initiative ist eine Aufforderung an Juden, Christen und Muslime, sich auf den Weg zu den gemeinsamen Quellen zu machen.

Verschiedenheit der Abraham-Bilder

Es wäre naiv, wenn wir nicht gleichzeitig in den Blick nähmen, dass jede der drei Religionen ihr eigenes Bild von Abraham ausgebildet hat, ja sogar, dass Juden, Christen und Muslime (nur) sich selbst als die rechtmäßigen Erben Abrahams betrachten. Die Geschichte zeigt, dass die zum Teil erbitterten Auseinandersetzungen zwischen den Religionen nicht selten als Streit um das wahre Erbe Abrahams geführt worden sind. "Weil Abraham mein Vater ist, kann er nicht deiner sein!" Das alte Spiel der Glaubensschwachen: Identität durch Abgrenzung.
Von daher muss vor einer naiven Rückbindung an Abraham gewarnt werden. Es wäre tatsächlich irreführend, durch den Hinweis auf Gemeinsamkeiten die Besonderheiten der unterschiedlichen Bezugnahmen auf Abraham zu missachten oder gar zu verleugnen.
Denn in den Abrahambildern der drei Religionen kommt zugleich auch die ganze Verschiedenheit ihrer Glaubens- und Lebenswege zum Ausdruck.
Die Abraham-Initiative ist eine Aufforderung, die Verschiedenheit und Fremdheit der anderen Religionen wahrzunehmen und sie gerade in ihrem Anderssein anzuerkennen und zu achten.

Bruderzwist im Hause Abraham

Manchmal scheint es so, dass eher die radikalen Juden, Christen und Muslime auf dem Vormarsch sind – viel zu oft sehen wir Bekämpfung der Moderne statt Koexistenz, Konfrontation statt Dialog, Festungsbau statt Öffnung in den Religionen.
Genau hier setzt die Abraham-Initiative an – im vollen Bewußtsein der Schwierigkeiten auf allen Seiten. Es gibt eben keinen Automatismus, sondern es braucht schon eine Initiative, die einen Kontrapunkt setzt – gegen den friedensunfähigen Fanatismus, auch gegen die lähmende Resignation, gegen die ungeistliche Einstellung, dass in Sachen Judentum, Christentum und Islam sowieso nichts mehr zu machen sei.
Die Abraham-Initiative ist eine Aufforderung, die Friedensenergien der Religionen neu zu entdecken und für die eine Welt fruchtbar zu machen.

Totalitarismusprophylaxe und Horizonterweiterung

Keines seiner sehr unterschiedlichen Kinder kann Abraham ganz und für sich vereinnahmen. Abraham war früher als Tora, Evangelium und Koran, also auch früher als Judentum, Christentum und Islam. Abraham ist weder Christ noch Jude noch Muslim im engeren Sinne dieser Begriffe. Abraham ist der Freund Gottes (nach Jes 41,6, Jak 2,23, Sure 4,125), der die Freundschaft zu Gott lebt und lehren kann; und Juden, Muslime und Christen sind seine Kinder – Kinder mit unterschiedlichem Aussehen, mit unterschiedlicher Mentalität und mit unterschiedlicher Geschichte – und doch Geschwisterkinder. Eine Rückbindung an Abraham bzw. den Gott Abrahams unter Ausschluss der anderen Kinder verstümmelt die ganze Vielfalt und Fülle der Abrahamskindschaft.
Mithin gilt auch für den vorbildlichen Glauben des Abraham: in seiner ganzen Fülle wird er nur gemeinsam von Juden, Muslimen und Christen zum Leuchten gebracht und glaubwürdig an die Menschheit weitergegeben.
Die Abraham-Initiative ist eine Aufforderung, die eigenen Überlegenheitsansprüche im Vertrauen auf Gott aufzubrechen und gemeinsam mit den anderen Geschwistern ein Segen für die Menschheit zu werden.

Abrahamisch glauben: Bereit sein zum Aufbruch im Vertrauen auf Gott

Ein Frieden in Abrahams Haus, der die Verschiedenheiten der Glaubensweisen aushält, respektiert und als gottgewollten Reichtum schätzt, geschieht wahrlich nicht automatisch.
Wenn aber Menschen sich zusammenfinden, die diesen Frieden wollen, dann finden sie in der Abrahamtradition eine unerschöpfliche Quelle an Verhaltensweisen und Einstellungen, die sie auf ihrem Weg des Friedens inspirieren.
Dann kann selbst das Bild vom Bruderzwist in Abrahams Haus ein positiver Ansporn sein, alte Streitigkeiten zu überwinden, hin zur Anerkennung und Versöhnung der Verschiedenen in diesem Haus.
Abraham wird in den Heiligen Schriften als ein Mensch geschildert, der Konflikte schlichten kann, der nachgibt, der Fremde gastfreundlich bei sich aufnimmt und der für die Menschen von Sodom und Gomorrah fürbittend vor Gott eintritt.
Was Abraham wirklich glaubte, das wissen wir nicht, außer dass er sich voll und ganz auf den Gott, der ihm begegnete, verließ. Vorbildlich ist seine Glaubenshaltung; gegenüber Glaubenslehren jedoch schweigt er. Bereit zum Aufbruch im Vertrauen auf Gott – so könnte eine für alle drei Religionsgemeinschaften zutreffende Beschreibung dieser Glaubenshaltung lauten, in der sie sich auch wiederfinden könnten.
Der Raum, auf den sich der Glaube Abrahams zubewegt, ist nicht die Vergangenheit, letztlich auch nicht die Gegenwart, sondern die Zukunft. Abrahams Leben im Glauben war darum ein Leben in der Wanderschaft. Wo er meinte, zur Ruhe gekommen zu sein, führte Gott ihn wieder weiter. Und Abraham ließ sich führen. In seiner Wanderschaft wußte er seinen Gott nahe, und er zog nicht den bequemeren Weg vor, sich bei anderen Göttern niederzulassen und von ihnen mit Ruhe und Sicherheit beschenkt zu werden. Die Verbundenheit mit dem lebendigen, wenn auch unbequemen Gott war ihm wichtiger als das Festhalten an der Religion der Väter.
Abraham blieb frei für Gott, dem er immer von neuem sein ungeteiltes Vertrauen schenkte. Darin ist er der Vater des Glaubens, dass er aufruft zur Wanderschaft im Glauben, zum ständig neuen Hören auf das Verheißungswort Gottes und damit in eine Gemeinschaft mit dem Schöpfer, für die der Rahmen der Geschichte zu eng wird, und die auch jenseits der Grenzen der Geschichte fortbesteht.
Hier liegt das spirituelle Fundament bereit für die Abrahamkinder guten Willens, auf dem sie sich gegenseitig die wunderbaren Geschichten ihres Vaters im Glauben erzählen und dann gemeinsam in die Zukunft aufbrechen können.
Die Abraham-Initiative ist eine Aufforderung, in den Überlieferungen das Ungewohnte, Vergessene und Ermutigende zu erkennen und es für die Zukunft fruchtbar zu machen.

Die Abraham-Initiative – eine Chance für Versöhnung und Frieden

Beispiele in Bosnien, Palästina und anderswo zeigen, dass dort, wo Juden, Christen und Muslime leben, die Verständigung und Frieden wollen, die Rückbindung an Abraham die friedenstiftende Gemeinschaft fördern und erleichtern kann. Denn solch eine Gemeinschaft braucht nicht nur theologische Grundlagen und praktische Umsetzung in der täglichen Arbeit vor Ort, sondern auch spirituelle Quellen der Kraft.
Die Rückbindung an Abraham ist dabei unersetzbar, weil sie Modelle der versöhnten Verschiedenheit anbietet, die zugleich in der Tiefe der je eigenen religösen Tradition verankert sind. Versöhntes Leben in Abrahams Haus ist dann keine neue, (bloß) durch die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts auf die Religionen zukommende Aufgabe, sondern sie kann als eine den Juden, Christen und Muslimen schon von Anfang an in die Wiege gelegte Aufgabe begriffen werden.
Dabei hält die Rückbindung an Abraham die ganze Verschiedenheit der Zugänge aus, denn in allen drei Religionen führt Abraham zwar ins Zentrum, nicht aber ins Herz der Religion:
Abraham ist Ergebener des barmherzigen Gottes, aber er ist nicht Muhammad, für die Muslime das Siegel der Propheten; Abraham ist Vater des Glaubens, aber er ist nicht Jesus Christus, für die Christen der Sohn Gottes; Abraham ist der Urvater, aber er ist nicht Mose, für die Juden der Vermittler der göttlichen Weisung.
Diese Unterscheidung von Zentrum und Herz eröffnet die Möglichkeit, Gemeinsamkeiten und Verschiedenheiten in Abrahams Haus zugleich zu denken, wobei die Verschiedenheiten eingebunden werden können in eine ganze Reihe gemeinsamer Grundlagen des Lebens in Abrahams Haus, das von dem Glauben Abrahams an den einen Gott bestimmt ist.
Die Abraham-Initiative ist eine Aufforderung an Juden, Christen und Muslime, von Abraham zu lernen: Am Anfang der Glaubensgeschichte Abrahams steht der auf ein Versprechen Gottes hin gewagte Aufbruch aus dem Alten in ein Neues. Wenn wir also von Abraham lernen wollen, dann lernen wir: Glauben heißt vertrauen heißt aufbrechen!
Nicht drinnen bleiben, bei sich, sondern zu den anderen, nach draußen gehen: das ist darum auch die Bewegung der Abraham-Initiative. Glauben heißt vertrauen heißt aufbrechen!
Abraham hat sein Vertrauen bewahrt, und er hat festen Boden unter den Füßen gespürt – nicht beim Festsetzen, sondern beim Gehen, nicht in einem imposanten Gebäude, sondern im Zelt, nicht unter Seinesgleichen, sondern als Fremder unter Fremden.
Es könnte ja sein, dass der Ruf Gottes auch heute die Glaubenden aus den sicheren Festungen ihrer religiösen Institutionen und Dogmen hinausruft in ein neues Land, das er ihnen noch zeigen wird, und in dem sie alle friedlich miteinander leben können. Glauben heißt vertrauen heißt aufbrechen.


   

Holger Nollmann

Im März 2000



Dieser Artikel erschien zuerst unter dem Titel Aufbrechen wie Abraham in: unterwegs. glaube evangelium politik, 22. jg. 2000, 2. quartal, 2-4.

unterwegs unterwegs. glaube evangelium politik


Er lag der Nah-Ost-Konferenz Evangelischer Gemeinden vom 23.-28. März 2001 in Cairo vor und wurde auf der Homepage dieser Konferenz in veränderter Form unter obigem Titel von Hansjochen Steinbrecher veröffentlicht
‹http://www.e-k-i-r.de/cairo/NOK2001/Text_Abraham-Initiative.htm›.

Ich danke dem Verfasser für seine freundliche Genehmigung, mit der der Text nach dieser letztgenannten Fassung hier wiedergegeben wird.

H.K. Im Januar 2003.