Paulus

Predigt über Römer 11,25-32

am 10. Sonntag nach Trinitatis, dem 3. August 1986,
in Niederkleen und Dornholzhausen



Der Text



Liebe Gemeinde,

„damit ihr euch nicht selbst für klug haltet”, deshalb schreibt Paulus dies. Deshalb erzählt er hier ein Geheimnis und will es auch uns nicht verhehlen. Er mutet unserer eigenen Klugheit ganz schön etwas zu. Er stellt sie in Frage und läßt sie noch mal neu lernen.

Denn Paulus sagt: Ihr könnt bei Gott nur klug sein zusammen mit — ja, mit der einen Familie hier in Niederkleen, die eines Tages vor 45 Jahren abgeholt und fortgefahren wurde. Sie waren ja bestimmt nicht viel anders als die andern auch, gehörten in diesem Fall eher zu den Ärmeren als zu den Reicheren. Nur, diese große Kirche hier werden sie vielleicht nie betreten haben. Trotzdem denke ich, daß nicht allen das recht eingeleuchtet hat, als einige mit Parteiämtern zu sagen versuchten: Man grüßt die nicht und die Kinder sollen schon gar nicht mit den Kindern von Jakob spielen. Die es so versuchten nachzusprechen und die es ihnen vorgesagt haben, haben aber Erfolg gehabt. Als die Handvoll Menschen abgeholt wurde, können sie kaum noch etwas anderes gehabt haben als den Glauben, daß Gott dem Gerechten die Treue hält, und als die Hoffnung auf Gottes neue Welt.

Ihr könnt bei Gott nur klug sein zusammen mit den fünfzehn bis zwanzig Menschen, deren Grabsteine in Hochelheim nicht auf dem großen Dorffriedhof stehen, sondern seit sechzig Jahren und viel länger in einem von einer Hecke umgrenzten Feld weit außerhalb vom Dorf, noch hinter dem heutigen neuen Friedhof. Die Gemeinde muß die Fläche heute unterhalten und pflegen. Der Zutritt ist nicht frei. Manche Grabsteine haben deutsche Inschriften, andere hebräische und deutsche. Die meisten tragen den Namen Rosenbaum, und mit steinernen Rosen sind auch andere verziert. Viele Grabsteine sind umgefallen oder vielleicht umgelegt worden und liegen nun hinter ihrem Sockel auf der Erde geschützter als wenn sie aufrecht stünden. Ein Grabstein trägt ein Christuszeichen. Er muß für einen getauften Juden errichtet worden sein. Aber auch er gehört mit seiner Grabstätte offensichtlich zu Israel.

Paulus mutet unserer Klugheit die Erkenntnis zu, daß wir nur sein können zusammen mit dem Häuflein Menschen, das sich in Gießen am Sabbat zum Gottesdienst trifft. Sie haben einen der international bekannten Gießener Medizinprofessoren zum Gemeindevorsitzenden, sie haben auch die konkrete Aussicht und die Zusage der Stadt, daß sie in absehbarer Zeit eine Synagoge werden bauen können, aber sie werden wohl nach menschlicher Voraussicht daran gewöhnt bleiben müssen, daß auch dann wie jetzt immer Polizei im Dienst dabei ist, wenn sie Gottesdienst halten. Jüdischer Gottesdienst in der Bundesrepublik und an einigen anderen Orten kann zur Sicherheit der Gottesdienstbesucher wohl nur unter Polizeischutz stattfinden. Die jüdische Jugend- [13] gruppe in Frankfurt wirkt äußerlich ganz ähnlich wie eine evangelische Jugendgruppe. Die jüdische Gemeindewahl findet gerade nach fast denselben Satzungen statt wie bei uns die Presbyteriumswahl — aber die Zugänge sind immer überwacht durch Fernsehkameras.

Und Paulus sagt: Wir gehören mit ihnen zusammen. Wir können bei Gott nur klug sein, wir können Gott nur richtigg loben und uns selbst nur recht verstehen zusammen mit Israel.

Paulus gehörte ja selbst zu Israel. Er ist ein Jude. Trotzdem hat das Geheimnis, von dem er spricht, auch seiner Klugheit zu schaffen gemacht. Er verkündet die Botschaft von Jesus, dem gekreuzigten und auferstandenen Messias Israels. Er tut es als persönlich von diesem Herrn Beauftragter und Gesandter. Die Botschaft von Jesus, die eine Kraft Gottes ist Menschen zur Befreiung, in der die Gerechtigkeit Gottes aus Glauben zu denen kommt, die glauben, ist bestimmt für lsrael. Immer wieder geht Paulus in die Synagogen und gibt die Geschehnisse weiter, von denen er ein später Zeuge wurde, daß der Messias leiden mußte und von den Toten auferstehen und daß Jesus dieser Messias ist. Immer wieder lassen sich einige überzeugen und stehen ihm nahe, aber viele ereifern sich gegen ihn, richten sogar einen Aufruhr gegen ihn an und verunglimpfen ihn vor den Behörden. Sie sagen Nein zu dieser Botschaft und bringen den Paulus dazu, daß er sich nun mit seiner Verkündigung an Heiden wendet — und das immer wieder, weil Paulus nicht aufgibt. So glauben Heiden an den Gott Israels und an seinen Gesalbten Jesus. Der Name Gottes ist auch über den Heiden genannt, bis nach Europa hin schon zu Zeiten des Paulus, bis fast zu uns, sozusagen. Das Wort Gottes breitet sich aus, die Kunde von der Befreiung in einem Gekreuzigten, von der Kraft Gottes in einem Schwachen, zur Sünde Gemachten.

Und das, nachdem Israel, für das diese Botschaft zuerst ist, in seiner Mehrheit Nein sagte.

Paulus ist lange nicht damit zurecht gekommen. Er hat in seinen ersten Briefen harte Sätze über dieses Nein gesagt. Was sagt er jetzt? Ist ihm ein Geheimnis aufgegangen?

„Yerstockung ist einem Teil Israels widerfahren”, das ist seine Antwort. Gott hat sie der Verstockung übergeben. Ja, er hat sie in die Verstockung hineingegeben, wie es schon Profeten rätselhaft verkündeten: ein Volk, das sieht, um nicht zu begreifen, das hört, um nicht zu verstehen, dem eine Botschaft verkündet wird, damit es sie nicht glaubt. Paulus hat es selbst erfahren und durchlitten. Es ist Wirklichkeit.

Aber das ist noch lange nicht das ganze Geheimnis. Paulus spricht von Verstockung, aber er spricht keine Verurteilung aus. „Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, solange bis...”

Sie ist nicht endgültig und nicht für alle Zeiten. Die Verstockung wird nicht in Ewigkeit dauern. Im Gegenteil, sie wird ein Ende haben. Gott hat noch ein Ziel. Er hat etwas mit Israel vor. Nur eine vorübergehende Verstockung. Nur solange bis ...

Ja, bis was? Nicht, was wir jetzt denken: nicht, bis Israel in die Gemeinde kommt, bis es zur Kirche stößt, nicht, wie wir es kurz und falsch denken, bis es sich bekehrt. Paulus redet nicht von der Judenmission. Nicht von einer direkten, gezielten und planmäßigen Bemühung, Juden aus Juden zu Christen zu machen. Er hofft wohl, so schrieb er vorher, daß über seiner Bemühung und vor allem über dem Wirken des Wortes Gottes einige aus seinem Volk sich anreizen lassen und so hinzufinden; aber mit ganz Israel hat Gott etwas anderes vor.

„So lange bis ...” hat Gott sie verstockt, so sagt Paulus: „so lange bis die Fülle der Heiden eingeht und so wird Israel gerettet werden, wie geschrieben steht: Es wird kommen aus Zion der Erlöser, der abwenden wird alle Gottlosigkeit von Jakob.”

Es ist umgekehrt als wir denken. Nicht sie kommen zu uns, wir kommen zu ihnen. Die Fülle der Heiden geht ein. Erst muß die Zeit der Heiden erfüllt werden, sagt Jesus. Das Evangelium vom Reich muß allen Völkern verkündet werden und dann kommt das Ende. Dann wird der [14] Messias Israels kommen und die Seinen sammeln von den vier Enden der Erde. Israel wird nicht mehr zerstreut sondern ein wiederhergestelltes Volk sein. Der von Gott gesandte Herr wird es sammeln. Paulus kennt sein Antlitz, das die Dornenkrone trägt.

Paulus sieht wahrwerden, was die Propheten ankündigten. Er kann es mit der Botschaft von Jesus, den er kennengelemt hat, zusammendenken: Der Zion wird hoch aufragen und die Völker kommen aus allen Richtungen zum Zion. Sie handeln nicht mehr nur nach ihrer eigenen Klugheit. Sie werden nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Sie werden nicht mehr, weil sie sich selbst für klug halten, Israel abdrängen in den notwendigen Polizeischutz oder gar bis in die Gaskammern, die vor 45 Jahren die wenigsten zu sehen und anzusprechen wagten, weil sie waren, wie wir alle heute auch sind. Sie werden die Weisung des Gottes Israels hören wollen und von ihr lernen, um die Schwerter zu Pflugscharen zu schmieden und wirklich klug zu sein.

Aber um das mit Paulus so zu sehen, muß die Kirche in der Tat erst klug werden. Sie muß ja dann sehen, daß sie selbst nicht der Endpunkt ist. Jerusalem, der Zion, bleibt dem Paulus ein Mittelpunkt und so kann ich den rheinischen Pfarrer verstehen, den ich getroffen habe und der erzählte, daß er sich eine Grabstätte gesichert hat auf dem Gräberfeld, das in Jerusalem auf den Tempelberg blickt. Er will nah dabei sein, wenn der Erlöser vom Zion kommt. Daß sich das nicht jeder leisten kann, ist allerdings nicht wichtig, wenn die Fülle der Heiden eingeht.

Aber wichtig ist, daß wir klug werden und uns nicht nur selber dafür halten. Und dazu müssen wir auch das sehen, daß die Kirche, all ihre Arbeit und Mission nicht Gottes Endziel sind. Sie sind dem Paulus aufgegangen als ein großer Umweg, bis die Fülle der Heiden eingeht und Israel gesammelt wird. Nicht Israel geht in die Kirche ein, sondern die Kirche darf eingehen in den Bund mit lsrael. Wenn dann Gott sein wird alles in allem, wird keine Kirche mehr gebraucht werden.

Daß Gottes Bund mit Israel steht, daß er nicht gekündigt werden kann, das hat den Paulus dazu gebracht, dieses Geheimnis zu erkennen. „Denn Gottes Gaben und Berufung können Gott nicht gereuen.” Sind wir untreu, so bleibt er doch treu, denn er kann sich selbst nicht verleugnen. Das gilt zuerst für Israel und nur diese Wurzel kann auch uns tragen.

So sind sie, sein Volk, die dem Paulus nahestehen, „im Blick auf das Evangelium zwar Feinde; aber im Blick auf die Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen”. In ihrer Verstockung, die Paulus erfuhr, sind sie dem Evangelium gegenüber Feinde, aber deshalb können sie doch nicht aufhören, Gottes Geliebte zu sein, mit deren Vätern schon Gott einen Bund schloß, aus denen der Christus, der Herr, gekommen ist, und für die er kommen wird. Wer euch antastet, der tastet meinen Augapfel an, sagt er ihnen das Wort Gottes zu. Und jetzt sind sie „Feinde um euretwillen. Durch ihren Ungehorsam habt ihr Barmherzigkeit erlangt.” Durch ihr Nein kam die Botschaft zu euch. Die Zweige wurden ausgebrochen, für eine Weile, damit ihr eingepfropft würdet. „Sie waren ungehorsam um der Barmherzigkeit willen, die euch geschenkt ist.” Doch sie bleiben nicht darin: Auch „sie erlangen Barmherzigkeit — jetzt”, sagt Paulus, denn er wüßte nicht, was noch im Weg stehen soll.

Paulus setzt darüber schon an zum Lobpreis Gottes, der sich aller erbarmt. Ich kann ihm darin nicht widersprechen. Aber ein paar Fragen muß ich stellen: Feinde im Blick auf das Evangelium? Ungehorsam? Wer ist das? Muß man das nicht längst von christlichen Völkern sagen? Die Kirche hat diese Worte des Paulus nicht gehört. Diese Chance, klug zu werden, nutzte sie nicht. Jahrhundertelang dachte man sich Israel mit zerbrochenem Stab in der Hand und mit verbundenen Augen, wie an mittelalterlichen Kirchen die Synagoge dargestellt ist, ohne zu bedenken, wie Israel und Kirche zusammengehören und aufeinanderbezogen sind, ohne zu bedenken, daß das Nein Israels vielleicht sogar uns helfen könnte, Christus noch besser zu verstehen. So waren es in christlichen Kirchen und Schulen Erzogene, die den Augapfel Gottes, Israel, [15] antasteten und die Kirchen und Schulen schwiegen dazu. Liegt nicht die Blindheit und Binde mehr auf den christlichen Augen? Die Kreuzigung, ist sie nicht inzwischen eine Tat unsere Hände geworden? Der Gottesmord? Und wo ist die Verstockung? Womit hängt es alles zusammen, daß bei uns die Kirchen leer wurden? Gottes Erbarmen über Juden und Heiden, das Paulus nur loben kann: „O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes”, Gottes Erbarmen brauchen wir viel dringender als uns bewußt ist, solange wir uns selbst für klug halten.

Amen.

Lit.: Bertold Klappert, Traktat für Israel (Römer 9-11), Die paulinische Verhältnisbestimmung von Israel und Kirche als Kriterium neutestamentlicher Sachaussagen über die Juden, in: Jüdische Existenz und die Erneuerung der christlichen Theologie, hg. von Martin Stöhr, München 1981

Horst Kannemann, Langgöns





TEXTE & KONTEXTE
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Exegetische Zeitschrift
10. Jahrgang. Nr. 34. Juni 1986 [korr.: 1987]
12-15


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