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Sommersonnenwende


Wort zum Sonntag

Gießener Anzeiger, 22. Juni 2002





Ein Vater erzählt mir: Glücklicherweise diskutiert seine Familie noch über Fragen der Erziehung. Die Tochter, Teenager, will eine Sommersonnenwendfeier besuchen. Dem Vater ist gemeinsames christliches Leben wichtig. Deshalb wendet er ein: Die Sonnenwendfeier kann zwar eine ehrenwerte Tradition sein. Aber wer sie neu einführt, verweist bewusst auf einen anderen Jahreskreis als das christliche Jahr.

Mit der Beobachtung hat er recht. Doch es muss nicht so sein. Denn warum soll sich der Glaube an Jesus Christus vor dem Lauf der Sonne fürchten? Auch die Kirche begeht die Sommersonnenwende — als den Tag der Geburt Johannes des Täufers am 24. Juni. Dieser Johannes sagt von Jesus Christus: Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen (Johannes 3, 30). So sagen alle, die mit ihm auf Gottes Geschenk der Erlösung hinweisen. Hinter dem Kirchenjahr steht der Glaube: So sagt selbst die Sonne, die nun für die Nordhälfte der Erde abnimmt. Bis das Christfest, dem jüdischen Chanukka folgend, Gottes Gegenwart feiert. Als Licht im Finstern. In Jesus Christus. Gott, der Menschen begegnet, und der Schöpfer des Alls sind derselbe.

Christi Auferstehung gibt den Elementen die Kraft, Gottes Ehre kundzutun. Deshalb sah die Kirche alle Feste von Ostern aus. Zum Passafest, am Vollmond bei der Frühlingstagundnachtgleiche, starb Jesus und wurde in Gottes Herrlichkeit erweckt. An diesem Termin wurde er auch empfangen und kam zur Wintersonnenwende zur Welt. Johannes der Täufer, sechs Monate älter, wurde zur Herbsttagundnachtgleiche gezeugt und zur Sommersonnenwende geboren.

Ist es verständlich, wenn das kaum jemand glaubt? Weil es nicht nur symbolhaft ist, sondern auch spekulativ? Gewiss. Aber was sagt das Symbolhafte mehr als ein schlichter Glaube, den ich jedem wünsche: Diese ganze Welt und mein Leben, das Gott mit mir teilt, kommen aus einer Hand? Und die Feste feiern das.

Horst Kannemann, Pfarrer
Evangelische Kirchengemeinde Lützellinden


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