Abraham
Rainer Stuhlmann



Predigt zu Genesis / 1. Mose 21, 2-3.8-21

Citykirche (Alte Reformierte Kirche)
Wuppertal-Elberfeld    10. Sonntag nach Trinitatis, 12. August 2007



Der Text







Der eine heißt Ismael, der andere Isaak. Zwei Jungen in der gleichen Grundschulklasse. Das gibt es nicht nur in Amerika. Das gibt es auch in Köln, auch in Mülheim.

Denn Isaak ist inzwischen einer von den für die moderne Namensgebung wieder entdeckten biblischen Namen geworden. Die Namen sagen wie in Amerika jetzt auch bei uns zumeist etwas über die Religionszugehörigkeit aus. Wer heute in New York oder in Köln Isaak heißt, so können wir vermuten, ist Jude oder Christ. Wer Ismael heißt ist Moslem.

Geschichten von Isaak und Ismael sind von allem Anfang an Streitgeschichten. Und immer schon spielte im Streit der beiden Jungen und ihrer Mütter der Streit von Völkern und Religionen eine Rolle.

Gibt es einen Alleinerben und wer ist das?” Auch in der biblischen Geschichte wird diese Frage gestellt. Automatisch führt die Frage zu Konkurrenz und Rivalität. Erhebt einer den Absolutheitsanspruch und behauptet „Ich allein! Mein Volk allein! Meine Religion allein ist die richtige” dann sind die Konflikte da, dann ist der Streit angezettelt.

Die Leserbriefe im Kölner Stadtanzeiger offenbaren es, wenn es um die Fragen geht: „Soll in Ehrenfeld eine Großmoschee gebaut werden?” „Werden Christen in der Türkei benachteiligt?” „Werden Muslime verfolgt, wenn sie sich taufen lassen und Christen werden?” Auch heute ist Streit zwischen den Kindern Isaaks und den Kindern Ismaels.

Schon als die biblischen Geschichten aufgeschrieben wurden, haben die Menschen in den alten Geschichten die Konflikte ihrer Gegenwart mit gehört, im Familienstreit den Streit der Völker und Religionen mit gelesen.

Zur Zeit der Könige David und Salomo war Israel zu einem mächtigen Großreich geworden, bestimmt von imperialem Denken und beherrscht von Eroberungspolitik. Es gab zahlreiche Kämpfe zwischen Israel und seinen kleineren Nachbarn. Die Nomadenstämme und Wüstenbewohner im Süden und Osten waren diesem hochgerüsteten Staat gegenüber hoffnungslos unterlegen.

Verbunden waren die Konfliktparteien durch Vater Abraham. Alle nomadischen Stämme im Vorderen Orient verstanden sich als „Abrahams Same” (wie Luther so schön übersetzt), als Nachfahren des Stammvaters Abraham. Dabei führt das Großreich Israel sich auf Isaak zurück, die arabischen Völker im Süden auf Ismael und andere orientalische Völker auf die sechs Söhne der Ketura, der dritten Frau Abrahams, die am Ende auch in der biblischen Abrahamgeschichte kurz erwähnt werden.

Die Weise, in der die Bibel von Isaak und Ismael erzählt, ist die Perspektive der Sieger, der Mächtigen, der überlegenen. „Mein Sohn Isaak soll allein erben.” In diesem Satz der Stammmutter Sara spricht der Absolutismus des Imperiums König Davids. Der eigene Anspruch, über andere zu herrschen, wird mit Berufung auf Gott geradezu religiös legitimiert. Denn die Geschichte wird so erzählt, dass Gott ausdrücklich die Forderung Saras bestätigt. Wir kennen solches Denken aus der Geschichte christlicher Imperien, von Franco über Pinochet bis zum amerikanischen Präsidenten George Bush.

Wir haben den Segen Gottes. Wir stehen mit Gott im Bunde und haben deshalb einen Vorzug vor anderen”, heißt es. Wer einen solchen Satz im Zusammenhang des Ganzen der Bibel liest, der muss ihn kritisieren. Und wenn die Bibel ihre eigene Auslegerin ist, dann muss die Auslegung der Bibel diesen Satz geradezu verneinen. Und das heißt, wir müssen die biblische Geschichte von Isaak und Ismael gegen den Strich bürsten.

Aus dem Ganzen der Bibel wissen wir, dass Gott nicht legitimiert, dass Menschen ihr Glück auf dem Unglück anderer aufbauen, dass sie Nutzen aus dem Schaden anderer ziehen. Wer mit Gott im Bunde steht, hat damit keine Privilegien vor anderen, hat nicht das Recht, über andere zu herrschen.

Im Bund mit Gott leben Menschen vielmehr zum Nutzen anderer. Der Segen Gottes wird erst im Teilen erfahren. Segen kann niemand für sich behalten. Der Segen für Abraham setzt sich in all seinen Kindern fort. Beerben kann ihn nicht ein Kind allein, weder Isaak wie es die Bibel sagt, noch Ismael, wie es der Koran sagt.

Und darum muss die Tora-Rolle neu aufgerollt werden, damit die Abrahamgeschichte neu aufgerollt werden kann. Die Geschichte von Isaak und Ismael müssen wir neu lesen. Der Dialog mit Muslimen erschließt uns unser eigenes Heiliges Buch, die Bibel, neu. So können wir im biblischen Text Neues entdecken.

*

Abraham — ratlos. So kennen wir ihn gut aus der Zeit als er kinderlos war. Aus der Zeit der unerhörten Gebete, aus der Zeit der Sehnsucht. Zerrissen in der Spannung von der schmerzlichen Erfahrung, ohne Kinder alt zu werden, und Gottes großer Verheißung, mehr Nachfahren zu bekommen als Sterne am Himmel und Sand am Meer.

Ratlos ist Abraham auch Jahre später. Das ist weniger bekannt. Ratlos ist er, weil er nicht nur ein Kind, sondern zwei Kinder bekommen hat: Ismael und Isaak. War schon das Vater-Werden für ihn schwer, so ist es das Vater-Sein noch umso mehr.

Das kennen wir auch heute in unterschiedlichen Familiensituationen. Die Abrahamperspektive kennen alle Eltern mehrerer Kinder. Denn trotz aller Mühe gelingt es Vater und Mutter nicht immer, ihren verschiedenen Kindern jeweils gerecht zu werden und keines den anderen vorzuziehen.

Für Einzelkinder und deren Eltern stellen sich andere Probleme, die hier nicht angesprochen sind. Aber Geschwisterkinder kennen die Erfahrungen aus der Perspektive Ismaels oder Isaaks. So wie früher, so wird auch heute die Geburt des zweiten Kindes zum Problem. Das erstgeborene Kind fühlt sich verdrängt, das zweitgeborene findet seinen Platz bereits besetzt und muss daneben den eigenen Platz erst finden.

Manchmal erzählen Menschen mit einem gewissen Schmunzeln von Rivalität und Konkurrenz unter ihren Geschwistern in ihrer Kindheit, von immer wieder kehrendem Streit und erbitterten Machtkämpfen während der Pubertät. Dabei bekommen solche Auseinandersetzungen noch einmal eine besondere Note, wenn sie zwischen Schwestern und Brüdern und nicht wie in der biblischen Geschichte nur unter Jungen ausgetragen werden.

Wir wissen, wie wichtig solche Erfahrungen für die Bildung und Reifung einer eigenen Persönlichkeit sind, wie prägend die Geschwisterreihung sein kann. Gelassen und entspannt können Menschen von solchen kindlichen Streitereien und pubertären Kämpfen erzählen, wenn das Ganze am Ende zu einem versöhnten und geregelten Miteinander befähigt hat.

In der Geschichte von Ismael und Isaak steht ein besonderer Aspekt im Vordergrund. Die Geburt des zweiten Kindes zerstört die Privilegien des Erstgeborenen, die es in der Antike noch massiver gab als heute. Das zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichten von Abraham und seinen Nachfahren. Die Zweitgeborenen relativieren die Vorrangstellung der Erstgeborenen, ohne dass daraus neue Privilegien für die Zweitgeborenen abgeleitet werden können.

Jakob macht seinem erstgeborenen Bruder Esau das Erstgeburtsrecht streitig. Die jüngere Rahel wird von ihrem Mann Jakob mehr geliebt als ihre erstgeborene Schwester Lea. Der Wunsch Josefs, dass sein erstgeborener Sohn Manasse mehr Segen bekommt als sein zweitgeborener Sohn Ephraim, wird durch Jakobs über Kreuz gelegte segnende Arme buchstäblich durchkreuzt.

*

Der erstgeborene Ismael hat so wenig einen Vorzug vor dem zweitgeborenen Isaak wie dieser vor jenem. Sie machen vielmehr beide ähnliche Erfahrungen, und die sind alles andere als glücklich. Es sind tiefe Leiderfahrungen. Und in den Leidensgeschichten der beiden Jungen spiegeln sich die Leidensgeschichten der Generationen ihrer Nachfahren.

Beide Jungen machen die Erfahrung, preisgegeben zu werden, ausgeliefert an Tod und Verderben. Die biblische Leidensgeschichte Isaaks ist die bekanntere. Abraham ist bereit, seinen Sohn Isaak Gott zum Opfer dar zu bringen, bis in letzter Minute ein Engel Gottes erscheint und die Katastrophe verhindert.

Ganz ähnlich — wenn auch weniger bekannt — ist die Leidensgeschichte Ismaels. Auch er wird von seinem Vater preisgegeben. Samt seiner Mutter Hagar wird er buchstäblich in die Wüste geschickt. Und wer in die Wüste geschickt wird, verdurstet auf qualvolle Weise, ist einem brutalen Foltertod ausgeliefert.

Anders als in der Geschichte von Isaak gewährt die Erzählung hier einen Blick in Abrahams Vaterherz. Abraham erscheint nicht abgebrüht. Er zögert, den Wunsch Saras, der Mutter Isaaks, zu erfüllen, seinen Sohn Ismael samt seiner Mutter Hagar dem Tod durch Verdursten auszuliefern.

Erst als Gott die Forderung Saras bestätigt und verstärkt, ist Abraham bereit — wir können annehmen: schweren Herzens — seinen Erstgeborenen dem Tod auszuliefern. Gott erscheint hier als der, der die Leidensgeschichte verursacht. Das wiederholt sich später mit dem Befehl Gottes, Isaak zu opfern. In beiden Geschichten erscheint Gott am Anfang wie ein Sadist, der Freude daran hat, wie Menschen auf die Probe gestellt werden, wie sie sich quälen und gequält werden.

Aber auch darin gleichen sich die Leidensgeschichten von Ismael und Isaak. In beiden Geschichten fällt Gott sich geradezu buchstäblich in den Arm. Am Ende hat Gott ein ganz anderes Gesicht. Das Wimmern eines verdurstenden Kindes bewegt sein Herz. Gott kehrt um. Er erweist sich als veränderbar, als belehrbar und bekehrbar. Der Gott mit der sadistischen Fratze wird von der Geschichte überholt. Er erweist sich als überholt, wenn er am Ende sein freundliches Antlitz zeigt und Ismael samt seiner Mutter aus Todesgefahr rettet.

Der Gott, der Saras Forderung „Treib ihn weg!” legitimiert, ist in Wahrheit ein Götze. Es ist der Gott der Macht und der Mächtigen. Sie schreiben sich ihn aufs Koppelschloss ihrer Soldatengürtel „Gott mit uns”. Mit uns gegen die anderen. Gegen die Juden. Gegen die Araber. Gegen die Moslems. Es ist der Gott der Staatsraison der Könige David und Salomo, die die Erzählung mit prägt.

Aber zugleich wird diese religiöse Ideologie von der gleichen Geschichte überholt. Ein Gott, der Vertreibungen, ethnische Säuberungen legitimiert, ist Gott nicht. Gott ist ein Gott mit Herz. Einer, der mitfühlt, der mitleidet, mit durch die Wüsten geht und in der Wüste die Oasen zeigt. Den das Wimmern eines Kindes rührt, erweist sich als der, der an der Seite der Schwachen und Bedrohten steht und so die Mächtigen herausfordert und zur Umkehr bewegt.

In beiden Leidensgeschichten erscheint am Ende ein Engel Gottes, der die Leidensgeschichte zu einer Rettungs- und Wundergeschichte macht. Auch darin sprechen sich die Erfahrungen der Menschen aus, die diese Erzählungen überliefert und aufgeschrieben haben. Es sind die Erfahrungen der Völker des Vorderen Orients, Israels so viel wie die seiner Nachbarn.

Und darin können wir auch unsere Erfahrungen wiedererkennen. Wüstenerfahrungen kennen nicht nur Wüstenbewohner. Viele von Ihnen können von Durststrecken des Lebens erzählen. Andere erinnern sich daran, wie mit einem Schlag ihr Leben verwüstet wurde oder die Wüste Schritt für Schritt in ihrem Herzen Platz griff. Für die einen sind es die kleinen, für die anderen die großen Leidensgeschichten.

Die alten Geschichten der Bibel erinnern aber auch daran, wie viele auch unserer Leidensgeschichten am Ende zu Rettungsgeschichten wurden. Auch davon können heute Menschen Geschichten erzählen, dass ihnen wie Hagar unvermutet die Augen geöffnet wurden, so dass sie neue Lebensperspektiven entdeckten. Manchmal wird der Durst nach Leben auf unerwartete Weise gestillt, eröffnen sich Lösungen und Wege, die außerhalb jeder Erwartung lagen, werden Gebete so erfüllt, dass zwar nicht das Erbetene geschieht, stattdessen aber etwas, das die Beterinnen und Beter überrascht und ihnen nicht weniger die Sehnsucht stillt.

*

Am Ende wird Ismael nicht anders als Isaak verheißen, ein großes Volk zu werden. Leiden bleiben beiden nicht erspart. Aber keiner von beiden ist Alleinerbe Abrahams. Den Segen Gottes empfangen beide.

Erst die Hofprediger Davids und Salomos kehren die Erzählung in ihr Gegenteil. Die Relativierung des Erstgeborenen wird nun zur Bevorzugung des Zweitgeborenen. Das geschieht mit einem Blick auf den Status der beiden verschiedenen Mütter. Der Erstgeborene hat eben eine falsche Mutter, um Abraham beerben zu können. Hagar ist Ägypterin, Ausländerin, Angehörige einer falschen Religion. Und sie ist Sklavin. So wird sie abgewertet und mit ihr ihr Sohn Ismael.

Dabei ist Hagar nichts anderes als eine Leihmutter. Das von ihr geborene Kind ist auch Saras Kind. Kinder, die sie statt ihrer Herrin empfängt und gebiert, galten den von der Herrin Geborenen als Gleichrangig. Aber das wird hier verschwiegen, um Ismael vor Isaak ab zu werten.

Wenn die Hofprediger mit göttlicher Legitimierung Isaak zum Alleinerben ausrufen, dann spricht in ihnen das Interesse der Mächtigen, die ihre Politik gegen die kleinen Nachbarvölker religiös rechtfertigen wollen.

Mit dieser Tendenz ist die Erzählung geschichtswirksam geworden. So kennt sie auch der Apostel Paulus und so benutzt er sie, um zu legitimieren, was ihm am Herzen liegt. Wir haben seine Sätze dazu eben in der Lesung aus dem Galaterbrief gehört.

Es ist ein Text mit einer schrecklichen Wirkungsgeschichte. Mit seiner Hilfe haben die Christen sich mit Sara und Isaak und zugleich Hagar und Ismael mit dem Judentum identifiziert. Damit haben sie das Christentum vom Judentum abgegrenzt und dieses zugleich zu ihrem eigenen Nutzen abgewertet, das Judentum enterbt und sich selbst zur Alleinerbin erklärt. Bald zweitausend Jahre hat diese Auslegung zu einem mörderischen Antijudaismus und dann auch Antisemitismus geführt.

Auf welche Weise auch immer zwischen Isaak und Ismael gestritten wird, der eine die Vorherrschaft über den anderen beansprucht, der eine sich zum Alleinerben erklärt und den anderen enterbt, es sind die unreifen Kinderspiele, die pubertären Rangeleien.

Gegen den Strich gebürstet, führt die alte biblische Erzählung allerdings zu erwachsenem reifen Verhalten. Der Text im Kontext der Bibel ist auf Versöhnung aus, auf Ausgleich der Geschwister, auf Balance zwischen den Völkern und Religionen, die sich mit ihnen identifizieren. Erst- und Zweitgeborene, das Kind der Sklavin und das Kind der Herrin werden umgewertet, aber nie und nimmer das eine zugunsten des anderen abgewertet.

Wer Kindheit und Pubertät hinter sich gelassen hat, dem kann etwas zugemutet werden. Das Zusammenleben der unterschiedlichen Völker, die Koexistenz einander widersprechender Religionen. Indem es ihnen zugemutet wird, wird es ihnen auch zugetraut.

Wenn alle Absolutheitsansprüche aufgegeben werden, dann liegt darin die Chance und Zukunft für das Zusammenleben der Völker und Religionen, der Isaakkinder und der Ismaelkinder. Abrahams Kinder sind keine Einzelkinder. Gottes Kinder sind keine Einzelkinder. Wer mit Gott im Bunde steht, der ist auch mit den anderen, den Fremden verbunden. Den Segen Gottes erbt niemand allein. Den erben wir nur, wenn wir ihn mit den anderen teilen.



Ich danke dem Verfasser für seine Bereitschaft, seine Predigt als Beitrag für diese Seiten zur Verfügung zu stellen.

September 2007, H.K.
Abraham