Michael Wyschogrod |
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Jedesmal, wenn ein Jude dem Holocaust begegnet — er muß ihm
begegnen oder er gehört nicht zur jüdischen Nation — und weiterhin Gott
preist, der der »Schild Abrahams« ist, »die Kranken heilt«,
»die Toten auferweckt« und »Jerusalem erbaut«, besiegt er Hitler und
erfüllt das Vermächtnis der Toten. Diejenigen, die durch die Hände der
Nazi-Mörder umkamen, wollten nicht den Tod des Judentums. Sie wollten nicht, daß
das jüdische Gebet dadurch zum Schweigen kommt, daß wir uns weigern, von Gott
als dem Erlöser Israels zu sprechen. Sie wollten, daß der Gottesdienst in der
Synagoge weitergehe, daß die uralten Worte gesagt würden, wie sie diese
gesagt hatten und wie sie diese ihre Lieben hatten sagen hören. [...] [185]
An dieser Stelle (15,6) hören wir von Abrahams Glaube, der vor
Gott als Rechtfertigung gilt. Glaube heißt hier deutlich, darauf vertrauen,
daß Gott Seine Verheißung erfüllen wird, wiewohl kein Mensch sehen
kann, wie Er es tun könnte. Und eben dieser Glaube Abrahams zeigt sich, als Gott,
nachdem er auf wunderbare Weise Abraham und Sarah in fortgeschrittenem Alter ein Kind
geschenkt hat, Abraham gebietet, dieses wunderbar empfangene Kind zu opfern.
Sicherlich muß Abraham sich gefragt haben, wie Gott Seine Verheißung
halten könne, wenn er Isaak opfern solle. Aber Abraham vertraut auf Gott und
glaubt, daß Er Seine Verheißung erfüllen wird, selbst wenn Isaak
getötet würde. Der jüdische Glaube ist deshalb von Anbeginn an Glaube,
daß Gott tun kann, was menschlich unbegreiflich ist. In unserer Zeit schließt
das den Glauben ein, daß trotz Auschwitz Gott Seine Verheißung erfüllen wird,
Israel und die Welt zu erlösen. Kann ich verstehen, wie das möglich ist? Nein.
Und erst recht kann ich nicht verstehen, wie Gott es jemals an denen gutmachen kann, die im
Holocaust umkamen. Aber mit Abraham glaube ich, daß er es tun wird. Ist dieser Glaube
anstößig? Macht er es sich mit dem Leiden der Ermordeten zu leicht? In gewisser Hinsicht
ja, ganz bestimmt aber aus menschlicher Sicht. Aber Gott kann und wird es tun. Er ist nicht
an das gebunden, was menschenmöglich ist. Er hat versprochen, uns zu erlösen,
und Er wird es tun.
Unzählige Jahrhunderte hindurch haben die Juden Gott gepriesen, »der die Kranken
seines Volkes Israel heilt«. Sie haben diese Lobpreisung verkündet, nachdem sie
von der Beerdigung eines ihrer Lieben, eines der Kranken des Volkes Israel, den Gott nicht
heilte, zurückkehrte. Jahrhundertelang haben die Juden Gott gepriesen, »der
Jerusalem erbaut«. Aber Jerusalem wurde nicht erbaut. Trotzdem verkündeten die
Juden die Lobpreisung Gottes, weil Gott verheißen hatte, Jerusalem zu erbauen, und
wenn er es verheißen hatte, dann war das so sicher wie das Geld auf der Bank. (Ich
gebrauchte dieses Bild einmal bei Karl Barth, als er mir sagte, daß die Juden nur
die Verheißung hätten, während die Christen die Verheißung und
die Erfüllung hätten. Übermannt von der [186] Bankenatmosphäre Basels, wo
das Gespräch stattfand, erwiderte ich: »Herr Professor Barth, bei einem Menschen
ist sein Versprechen die eine Sache, die Erfüllung eine andere. Er kann vielleicht
sterben, bevor er es in die Tat umsetzen kann. Oder er kann seinen Sinn ändern. Oder
er mag dazu nicht in der Lage sein. Aber bei Gott ist es anders. Wenn Er etwas verspricht,
dann ist das wie Geld auf der Bank. Wenn Juden das Versprechen haben, so haben wir die
Erfüllung, und wenn wir die Erfüllung nicht haben, haben wir auch nicht das
Versprechen«. Er dachte eine Weile nach und erwiderte: »Wissen Sie, von der Seite
habe ich das noch nie betrachtet«.) Wenn menschliche Augen nicht sahen, daß
Jerusalem erbaut wurde, dann bewies dies nur die Grenze des menschlichen Sehvermögens,
nicht die Unzuverlässigkeit von Gottes Verheißungen. Gott heilt die Kranken
Israels, und wenn jemand, den ich liebe, gerade gestorben ist, dann heilt Gott dennoch die
Kranken Israels. Vielleicht in einem andern Sinn, als ich es mir vorgestellt habe. Vielleicht
zu einem andern Zeitpunkt, oder vielleicht weiß ich einfach nicht wie. Doch Gott
heilt die Kranken Israels.
[...]
Auschwitz: Beginning of a New Era? Reflections on the Holocaust,
in: Tradition. A Journal of Orthodox Thought 16, 1977, 63-78
Gott — ein Gott der Erlösung,
in: Wolkensäule und Feuerschein. Jüdische Theologie des Holocaust,
hg. Michael Brocke / Herbert Jochum. 1982, 178-194,
184-186Michael Wyschogrod wurde 1928 in Berlin geboren. Seine Eltern Paul Wyschogrod und Margaret, geb. Ungar, waren mit ihrem älteren Sohn Marcel erst wenige Jahre vor Michaels Geburt aus Budapest, wo sich alle wirtschaftlichen Bedingungen verschlechterten, nach Berlin gezogen. Paul Wyschogrod war ein international angesehener Schachmeister, verdiente aber nur ein geringes Einkommen durch den Verkauf in Heimarbeit hergestellter Artikel auf Märkten.
Der Sohn Michael besuchte in Berlin die Schule der Adass Jisroel, die seit 1936 unter dem Weggang von Lehrern und Schülern litt. Die Familie Wyschogrod erlangte mit Hilfe eines Bruders der Mutter Anfang 1939 Einreisevisa in die USA. Da sie über Warschau nach New York reichte, lernte der zehnjährige Michael für drei Wochen das dortige jüdische Leben noch kurz vor dessen Zerstörung kennen.
Er erhielt im New Yorker Stadtteil Brooklyn talmudische Bildung an der jiddischsprachigen, osteuropäisch geprägten orthodoxen Yeshivah Torah Vodaath. Er verbrachte 1945-1946 ein akademisches Jahr mit dem Studium des Talmud. Ab 1946 besuchte der zugleich das City College und die Yeshivah University in New York. Am City College begegnete er dem Werk Søren Kierkegaards (1813-1855), das ihn zur bleibenden Beschäftigung mit der christlichen Theologie bewegte. An der Yeshivah University studierte er bis 1953 Talmud und jüdische Philosophie mit dem führenden Lehrer des modernen amerikanischen orthodoxen Judentums, Rabbi Joseph Ber (Yosef Dov) Soloveitchik (geboren am 27 Februar 1903 in Pruzhan, Polen, heute Weißrussland — verstorben am 8. April 1993 in Brookline, MA), genannt „The Rav”. Von 1949 bis zu seiner Dissertation über Søren Kierkegaard und Martin Heidegger (1889-1976) im Jahre 1953 studierte er an der Philososphischen Abteilung der Columbia University.
Am City College, Hunter College und Baruch College der City University of New York lehrte er Philosophie und wurde Leiter der Philosophischen Abteilung des Baruch College.
1992 wurde als Professor an das nach 33-jähriger Unterbrechung wiedergegründete Religious Studies Program der University of Houston berufen und leitete von 1996 bis zu seiner Emeritierung im Jahre 2002 das Programm.
Er war Gastprofessor an der Bar-Ilan University Tel Aviv, der Graduate Faculty of the New School, New York NY, der Dropsie University, Philadelphia PA, der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg, der Theologischen Fakultät Luzern, der Universität Bern, der Kirchlichen Hochschule Wuppertal, dem Princeton Theological Seminary, Princeton NJ, der Rice University Houston TX und lehrte immer wieder auch an der christlich-jüdischen sommeruniversität des Instituts Kirche und Judentum, die zunächst von 1987 bis 2003 alle zwei Jahre in seiner Geburtsstadt Berlin stattfand.
Er gehört dem Herausgeberkreis der Zeitschrift Tradition. A Journal of Orthodox Thought an, die seit März 2006 auch online erscheint. Seine Buchveröffentlichungen sind
Kierkegaard and Heidegger. The Ontology of Existence. 1954. Neudruck 1970. Online in der Questia Online Library
Jews and „Jewish Christianity”, mit David Berger, heute Historiker am Brooklyn College, New York. 1978
The Body of Faith: Judaism as Corporeal Election. 1983. Paperback: The Body of Faith: God in the People Israel. 1989. Zweite Auflage: The Body of Faith: God and the People Israel. 1996. Deutsch: Gott und Volk Israel. Dimensionen jüdischen Glaubens. 2001
Das Reden vom einen Gott bei Juden und Christen, herausgegeben mit Clemens Thoma, Professor für Bibelwissenschaft und Judaistik an der Theologischen Fakultät Luzern. 1984
Understanding Scripture: Explorations of Jewish and Christian Traditions of Interpretation, herausgegeben mit Clemens Thoma. 1987
Parable and Story in Judaism and Christianity, herausgegeben mit Clemens Thoma. 1987
Abraham's Promise. Judaism and Jewish-Christian Relations, herausgegeben R[ichard] Kendall Soulen, Professor für Systematische Theologie am Wesley Theological Seminary, Washington DC. 2004
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